Mit der Bahn von Offenbach nach Auschwitz

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Gertrud MarxundBoris Hammerich von der Geschichtswerkstatt sorgen für die Offenbacher Aspekte im „Zug der Erinnerung“. Vereinsvorsitzender Hans-Rüdiger Minow (Mitte) freut sich über die rege Unterstützung auch seitens der Stadt.

Offenbach - (adr) Betty Sichel war 16. Rudolf Andorn war 15. Leo Reinhardt war 10. Judis Baum war gerade einmal drei. Im September 1942 wurden sie mit ihren Eltern und 800 weiteren meist jüdischen Offenbachern, davon 26 unter 20 Jahren jung, am Ostbahnhof in einen Zug gepfercht, der sie zunächst nach Darmstadt und von dort in Vernichtungslager wie Auschwitz brachte.

Ein von einer Dampflok gezogener Zug, der heute in den Offenbacher Hauptbahnhof einfährt und dort drei Tage stehen wird, erinnert auf seiner Reise durch ganz Deutschland an die vielen tausend Kinder und Jugendlichen, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1938 und 1944 in Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt wurden. Es sind nicht nur Juden, auch Sinti und Roma und Kinder von Nazi-Gegnern. Die Geschichtswerkstatt Offenbach trägt örtliche Schicksale dazu bei und wird, wie Gertrud Marx und Boris Hammerich ankündigten, täglich von 14 bis 17 Uhr in den Waggons Erläuterungen geben. Darüber hinaus führen sie zweimal zu „Stolpersteinen“, die in der Nähe des Bahnhofs an Offenbacher NS-Opfer erinnern.

Stadtrat Ferdi Walther eröffnet die Ausstellung auf dem Bahngleis heute um 9.30 Uhr. Der „Zug der Erinnerung“ verdankt sich der Weigerung der Deutschen Bahn, die Mitverantwortung der Reichsbahn an den Deportationen einzugestehen und, wie es die Staatsbahnen in Frankreich und Holland taten, mit Ausstellungen in Bahnhöfen zu dokumentieren. Hans-Rüdiger Minow, Vorstandssprecher des politisch unabhängigen Veranstalter-Vereins berichtete in Offenbach an die fruchtlosen Bemühungen: Auf die erste Anregung gab es eine barsche Abfuhr von Vorstandschef Hartmut Mehdorn . Die Bahn habe „keine Resourcen“ um sich zu beteiligen, „noch habe sie es nötig“, zitierte Minow. Es kam zu Demonstrationen der Bürgerinitiativen auf Bahnhöfen, die Bahn versuchte dies auf ihrem Gelände zu verhindern. Minow schilderte den unrühmlichen Höhepunkt, als Bahnangestellte Fotos von deportierten Kindern zerrissen.

Also entschied sich der Verein, die Ausstellung selbst auf die Schienen zu stellen, und setzte durch, dass das Netz der DB genutzt werden kann. Der Zug finanziert sich rein aus Spenden. Die Bahn verdient daran: Für jeden Tag, den die Waggons auf einem Abstellgleis stehen, kassiert sie tausend Euro. Offenbach ist als Station kurzfristig eingeschoben worden. Minow freut sich über Finanzierungszusagen - die Hälfte der an den drei Tagen anfallenden Kosten von 12 000 Euro tragen städtische Gesellschaften.

Den Rest sollen Spender decken. Inzwischen haben mehr als 300 000 Menschen in 90 Städten die Ausstellung gesehen. Sie richtet sich vor allem auch an Jugendliche, sucht persönliche Betroffenheit und vermittelt eine Aufforderung: gegen Triebfedern von Verfolgung klare Stellung zu beziehen. Das tun in Offenbacher Boris Hammerich und Gertrud Marx mit ihren „Stolperstein“-Mitstreitern. „Das Geschehen von damals wird verdrängt, das ist nicht mehr so bewusst“, sagt Hammerich. Auch der „Zug der Erinnerung“ soll das ändern.

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