Auf dem Abstellgleis

Offenbach ‐ Trist, trostlos, farblos und bedeutungslos. Wenn Fahrgäste den Zustand des Offenbacher Hauptbahnhofes beschreiben, finden sie dafür selten nette Worte. Dafür fällt die Wortwahl umso drastischer aus. Von Jörn Polzin

Ein älterer Mann, der dort seit vielen Jahren ein- und aussteigt, spricht gar von einer „absoluten Katastrophe“. Tatsächlich gibt der Hauptbahnhof seit langem ein fast schon Mitleid erregendes Bild ab. Denn ihrem Anspruch und Zweck, ein Ort zu sein, an dem das Leben pulsiert, hinkt die 1872 erbaute Station an der Bismarckstraße schon lange hinterher. Das fängt schon am Eingang an, der alles andere als eine anziehende Wirkung hat. An den Wänden, die zahlreiche Graffiti zieren, bröckelt der Putz ab. Der ursprünglich freundliche Gelbanstrich an der Außenfassade ist längst verblasst.

Solche Mängel dürften die Reisenden aber getrost in der Kategorie Schönheitsfehler einordnen. Sie beschäftigen elementarere Dinge, die für einen Bahnhof dieser Größenordnung zum Standard gehören sollten. „Es gibt keinen Aufzug oder Rampen für gehbehinderte Menschen“, moniert eine ältere Dame.

Fehlende Aufzüge, geschlossene Bahnschalter

Auch einer Mutter mit Kinderwagen bleibt der beschwerliche Weg die Treppen hinauf nicht erspart. „Das ist ein absolutes Unding, da braucht ja jeder bald einen persönlichen Begleiter, um zum Gleis zu gelangen“, pflichtet eine Pendlerin bei, die jeden Tag via Offenbach Hauptbahnhof zur Arbeit fährt. Problematisch wird es schon im Eingangsbereich, wo ebenfalls ein barrierefreier Zugang für gehbehinderte Menschen oder Reisende mit Fahrrad fehlt.

In der düsteren Eingangshalle angekommen, herrscht gähnende Leere statt lebhaftes Treiben. Blumenladen, Café oder Gaststätte? Fehlanzeige! Wer auf den letzten Drücker noch etwas besorgen möchte, schaut in die Röhre. Oder besser gegen Gitter und zugeklebte Fensterscheiben, die auf Umbauarbeiten hinweisen. Übrig geblieben ist einzig ein Zeitungskiosk.

Doch auch dort hat man die Zeichen der Zeit erkannt. „Ich werde mich Ende des Jahres zurückziehen, es hat einfach keinen Sinn mehr“, kündigt Dusko Markovic seinen Abschied nach zweieinhalb Jahren an. In dieser Zeit hat der Inhaber vieles gehört: Beschwerden von den Kunden über fehlende Aufzüge, geschlossene Bahnschalter und fehlende Durchsagen. Vor allem aber leere Versprechungen. Der schon längere Zeit geplante Umbau des Geschäfts, das die Firma HDS Retail betreibt, sei bis heute nicht erfolgt. „Die Kunden sind ausgeblieben, es ist Zeit einen Schlussstrich zu ziehen“, sagt Markovic. Mit diesem Schicksal steht er nicht alleine. Nach und nach haben sich Geschäfte aus der Halle verabschiedet.

Bemühungen seitens der Bahn gibt es nicht

„Viele haben ihren Betrieb mangels Umsatz aufgegeben“, weiß Bahnsprecher Hartmut Lange. Hoffnung auf Besserung kann er nicht machen. Im Gegenteil: Lange räumt ein, dass der Hauptbahnhof längst nicht mehr das Prädikat Hauptbahnhof verdient und in den Schatten der Stationen Ledermuseum, Marktplatz und Ost gerückt ist. „Dort steigt ein Vielfaches an Fahrgästen ein und aus.“ Im Hauptbahnhof sind es täglich nur noch 3000 Reisende.

Bemühungen seitens der Bahn, den historischen Standort an der Bismarckstraße etwas aufzupeppen und mit Leben zu füllen, gibt es nicht. Lange bezieht sich dabei auf das Prinzip der freien Marktwirtschaft von Angebot und Nachfrage. Heißt: Reisende müssen auch weiterhin auf Komfort wie Aufzüge verzichten. „Da müssen die Fahrgäste in die umliegenden Stationen“, sagt Lange. Und weiter: „Natürlich ist es den Gastronomen freigestellt, hier etwas aufzubauen, aber die Erfolgsaussichten sind eher gering.“

Kleiner Lichtblick: Die defekten Infotafeln an den Gleisen sollen nach über zweijähriger Zwangspause Ende des Jahres mit einer überarbeiteten Stellwerkstechnik in Betrieb genommen werden.

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