Balsam für sozialdemokratische Seele

Offenbach ‐ „Ich bin ja so gespannt.“ Die Frau hat sich den Termin extra dick markiert: Sonntag, 17.30 Uhr, Wahlparty im Rathaus. Pünktlich will sie sein, jede Reaktion der beiden Kandidaten, der Unterstützer, der Parteimitglieder, der Offenbacher miterleben. Von Martin Kuhn

Der finale Urnengang ums Amt des Oberbürgermeisters dürfte sie etwas enttäuscht haben. Als die Ergebnisse aus den ersten vier Wahlbezirken vorliegen, liegt Amtsinhaber Horst Schneider weit vorn: 70,2 %. Da klirren bei einigen Sozialdemokraten bereits die Gläser, während die Christdemokraten eher versteinert blicken. Das wird sich im Verlauf des Abends nicht mehr ändern.

„Immer das Gleiche“, murmelt einer mit Blick auf die Leinwand im Stadtverordnetensaal und den genannten Prozentwert. „Einer zieht anfangs weg, das schrumpft noch.“ Stimmt. Jedoch nicht mehr entscheidend. Coiffeur Karl-Heinz Harwarth prognostiziert nach 29 Wahlbezirken (mittlerweile 61,3 % für Schneider): „Am Ende sind’s 58 Prozent...“ Er soll damit Recht behalten. Genauso wie eine Sozialdemokratin: „Beim ersten Wahlgang war’s spannend; heute ist es eher geruhsam“, sagt sie und nippt an der Brause.

SPD-Mann Stephan Färber ist da weniger sachlich, wohl auch deshalb, weil er so manchen politischen Konflikt mit den Offenbacher Unionschristen ausgetragen hat. Frohgelaunt? „Ja“, gibt Färber unumwunden zu und begründet: „Die CDU hat da richtig viel Geld verbraten.“ Die private Wählerinitiative, die 600 Mitstreiter für Schneider vereint, merkt vor Journalisten eher genüsslich an: „Der Mensch kommt vor den Mitteln...“

Bilder aus dem Rathaus

Horst Schneider bleibt Oberbürgermeister

Das dürfte vielen Christdemokraten bitter aufstoßen am Tag nach der neuerlichen Niederlage. Denn bei der Direktwahl um den Offenbacher Chef-Sessel scheitert die CDU zum vierten Mal: Nach Stefan Grüttner, Günther Hammann und Alfred Kayser muss sich nun Peter Freier mit dem zweiten Rang und letztlich 42 Prozentpunkten begnügen. Der Herausforderer gratuliert brav dem 59-jährigen Sieger und wünscht ihm weiterhin „ein glückliches Händchen“. Einen Seitenhieb kann er sich aber nicht verkneifen: „Der OB bleibt gleich, die Probleme bleiben gleich.“

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Schneider bleibt OB

Der CDU-Fraktionschef gibt sich angesichts seiner 45 Lebensjahre kämpferisch: „Ich werde weiter für meine Geburtsstadt aktiv sein - in welcher Form auch immer.“ Das hört sich in der Stunde der Niederlage bereits nach einer neuerlichen Kandidatur Freiers in sechs Jahren an. Darauf deutet auch der Satz hin: „Auf dem Ergebnis von 8 087 Stimmen kann man aufbauen.“ Das sieht CDU-Kreisvorsitzender und Sozialminister Stefan Grüttner wohl ähnlich („Nach der Wahl ist vor der Wahl.“), der Schneiders Wiederwahl so kommentiert: „Es ist keine Lösungskompetenz in Sicht.“

Das will der SPD-Vorsitzende Felix Schwenke so nicht stehen lassen und kontert: „Das haben die Wähler wohl etwas anders gesehen mit der Lösungskompetenz.“ Wer möchte, mag seine Aussage als Balsam für die nach der Kommunalwahl geschundene Seele der lokalen Sozialdemokraten werten: „Die SPD hat auf den richtigen Kandidaten gesetzt.“ Und was sagt der strahlende Sieger, der im Rathaus von Familie, Weggefährten, Freunden und Reportern umringt ist? Zunächst ein herzliches und obligatorisches Dankeschön – in Horst Schneiders Fall „meiner breit aufgestellten Wählerinitiative und meiner Partei, der ich gut 40 Jahre verbunden bin“.

Der in seinem Amt gereifte Schneider blickt gleichzeitig nach vorne, betont, die dringendsten Probleme weiter anzugehen: Schuldenabbau, Schulbausanierung, Lösung fürs Klinikum. Für ihn eine Herausforderung angesichts des weiterhin „dramatischen Strukturwandels“. Für seine Heimatstadt habe er einige Projekte im Kopf, „aber dafür bedarf es breiter Zustimmung und verlässlicher Mehrheiten“. Der OB auf Schmusekurs in der Rathaus-Koalition mit den beiden großen Partnern SDP und Grüne sowie den Freien Wählern. „Gratulation an Horst Schneider. Ich freue mich darauf, weiter stabil mit ihm zusammen zu arbeiten“, sagt Grünen-Fraktionschef Peter Schneider. Weniger erfreut ist er angesichts der wieder katastrophalen Wahlbeteiligung. „Die Frage ist: Wie erreichen wir die jungen Leute, die jetzt beispielsweise in Berlin die Piraten gewählt haben?“ Es gebe Wege - etwa übers Internet. „Das müssen wir forcieren.“

Für den Offenbacher Wahl-Sonntag kommt’s zu spät. Der beginnt lausig. Kurz vor 12 Uhr haben die Helfer im Wahllokal endlich etwas zu tun. Eine tippt schnell Zahlen in den Taschenrechner und präsentiert die aktuelle Wahlbeteiligung: „Mit ihnen sind wir bei 2,15 Prozent.“ Auweia. Immerhin: Bis zum Abend werden’s 24,3.

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