Bambusmatten, damit Bäumchen keinen Sonnenbrand kriegen

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Für die Menschen eher unangenehm, herrscht für Bäume momentan bestes herbstliches Pflanzwetter: Beschirmt stehen die Fachfrauen Christina Türk (links) und Sigrid Pietsch vom Referat Stadtgrün an einer von sieben neuen Säulen-Hainbuchen in der Großen Marktstraße.

Offenbach ‐ Bäume in einer engen und verdichteten Stadt zu pflanzen, ist eine Wissenschaft für sich geworden. Loch gebuddelt, Schößling ’rin und beten, dass er gut gedeiht - das geht heutzutage nicht mehr. Seit etwa drei Jahren verantworten Christina Türk und Sigrid Pietsch das Offenbacher „Stadtgrün“ und berücksichtigen die aktuellen wissenschaftlichen Entwicklungen. Von Thomas Kirstein

Wem wäre früher in den Sinn gekommen, dass ein junges Bäumchen an Sonnenbrand eingehen könnte? „Am neuen städtischen Standort herrscht ein anderes Mikroklima als am früheren in der Baumschule, die Bäume werden in der Regel auch anders ausgerichtet sein“, erläutert Sigrid Pietsch. Damit die Sonne die Rinde nicht verbrennt, werden die Stämme mit Bambusmatten umwickelt - so wie in der Großen Marktstraße neben dem Einkaufszentrum KOMM, wo dieser Tage sieben Säulen-Hainbuchen gepflanzt wurden.

Für das sichere Gedeihen maßgeblicher ist allerdings, was die Fachleute für die Passanten unsichtbar im Boden vorbereitet haben. Unter den an neuen Baumstandorten üblichen gusseisernen Rost verbirgt sich ein etwa ein Meter tiefer, 1,50 auf 1,50 Meter großer, auf einer Substratschicht ruhender Betonkorb.

„Jetzt kann die Wurzel erst einmal nicht nach außen wachsen, sondern geht nach unten, wo sie sich dann in einer nährstoffreichen und mit Enzymen versetzten Schicht seitlich ausbreiten kann“, beschreibt Christina Türk das Prinzip des „unterirdisch durchwurzelbaren Raums“. Über dem Substrat befindet sich der normale Straßenunterbau, dem die Wurzeln dann nichts anhaben können.

Es muss getüftelt werden

Die Methode ist freilich nicht überall einfach anzuwenden. Wenn sich, wie in der Kaiserstraße unterirdisch die Versorgungsleitungen ballen, ist detaillierte Vorplanung erforderlich. „Da musste ganz schön getüftelt werden“, erinnert sich Hans-Joachim Bier-Kruse, Verkehrsplaner und stellvertretender Chef des Amts für Stadtplanung und Baumanagement.

Sitzt der Stadtbaum erst einmal im Boden, genießt er Zuwendung, die über das übliche Gießen hinausgeht. Die mit der Pflanzung beauftragte Gartenbaufirma garantiert eine einjährige „Fertigstellungspflege“, zu der Düngung oder das Entfernen von Totholz gehören. Es werden gewisse Werte betreut: 800 bis 1000 Euro kostet ein Baum an einem unproblematischen Standort, bis zu 3500 Euro dort, wo das volle Vorbereitungs-Programm notwendig ist.

Für Offenbachs Baumbestand ist nicht nur das Wie, sondern auch das Was entscheidend. Neben Neuanpflanzungen ersetzt der ESO jedes Jahr rund hundert alte Bäume durch neue. Längst passt nicht mehr, was vor vielen Jahrzehnten gepflanzt wurde. Das betrifft sowohl die Form der Krone, die heute meist nicht mehr so ausladend sein soll, und die Art der Wurzeln als auch die Ansprüche an die Widerstandsfähigkeit. Alleen von Platanen etwa, wie sie im Brunnenweg vielen Anwohnern mehr Last als Lust sind, wird heute niemand mehr anlegen. „Auch auf weißblühende Kastanien wie am Wilhelmsplatz müssen wir künftig verzichten“, bedauert Christina Türk.

Prozessionsspinner bereitet Eichen Probleme

Den vorhandenen Kastanien macht die gleichnamige Miniermotte zu schaffen. Eichen leiden unter ihrem Prozessionsspinner. Die in Kübeln gesetzten Apfel dornbäume auf dem Hugenottenplatz werden nicht nur von den dortigen starken Winden zerzaust, sondern auch von einer Käferpopulation. Sie werden jetzt durch Ölweiden ersetzt.

Offenbacher Stadtbäume sind Züchtungen von Baumschulen. Auswahlkriterien sind unter anderem Hitzeverträglichkeit, Trockenheitsresistenz, Windfestigkeit und Salzverträglichkeit.

Das erfüllen etwa Hainbuchen (sechs neu in der Kleinen Marktstraße, 22 in der Frankfurter Straße), Säulen-Eichen und Linden (drei bzw. zwei in der Geleitsstraße), Spitzahorn (32 in der Kaiserstraße), Eschen (54 am Mainzer Ring) und Blumeneschen (20 neu auf dem Wilhelmsplatz).

Die Sorten sind meist keine heimischen mehr, sondern stammen ursprünglich eher aus Südeuropa. Das ist dem Klimawandel geschuldet, erklärt Sigrid Pietsch: Die neuen Offenbacher Bäume kommen aus einem Klima, wie es hier noch zu erwarten ist; und sie sind besser auf all die Schädlinge vorbereitet, die noch aus dem Süden in unsere Breiten wandern werden.

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