Stadt bemüht sich um Barrierefreiheit

Rundgang mit Sehbehinderten: Noch viele Hindernisse

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Die in Offenbach omnnipräsenten Plakataufsteller sind ein Hindernis.

Offenbach - Für die einen sind es nur dekorative Bodenelemente, für andere eine echte Erleichterung. Trotz klammer Kassen versucht die Stadt Offenbach, Barrierefreiheit im öffentlichen Raum bestmöglich umzusetzen. Was bei Neubauprojekten ohnehin Grundsatz ist, erfordert bei Umbaumaßnahmen mitunter Kompromisse. Von Jenny Bieniek 

An der Kaiserstraße sind die sehbehinderte Gertrud Frese und die blinde Helene Wenzel mit der barrierefreien Ausstattung zufrieden. Frese ist Mitglied in der Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenbunds und Vize-Vorsitzende des städtischen Behindertenbeirats. Sie weiß: Auch an anderen Stellen ist die Barrierefreiheit in den vergangenen Jahren vorangeschritten (siehe Kasten). Weil für derartige Maßnahmen jedoch kein gesondertes Budget zur Verfügung steht, gilt: nach und nach. Und am besten im Zuge von ohnehin Geplantem.

Das hat jedoch auch zur Folge, dass auf dem Marktplatz noch immer entsprechende hilfreiche Elemente fehlen. „Schon 1992 habe ich deswegen angefragt“, erinnert sich Helene Wenzel. „Damals hieß es immer, der Umbau komme bald.“ Frank Seubert, der beim Amt für Stadtplanung für Verkehrsplanung und Stadtgestaltung zuständig ist, räumt bei einem Rundgang ein: „Nach heutigem Stand wird wohl gar nicht mehr umgebaut...“

„Mein Hund erkennt die Ampel nicht mehr“

Gegen andere Hindernisse für Blinde soll die Auffrischung eines städtischen Leitfadens zur Barrierefreiheit wirken. Zu regeln sind vor allem die sogenannten Sondernutzungen, etwa Außengastronomie, Werbeaufsteller oder Warenauslagen vor Geschäften. Denn diese bereiten Sehbehinderten große Probleme. „Die hat man dauernd vorm Stock, man kommt vom Weg ab“, erklärt Helene Wenzel. Im Alltag, so erzählen Wenzel und Frese, erschweren Sehbehinderten jedoch vor allem nicht-bauliche Faktoren das Zurechtkommen. Zum Beispiel Elektroautos, die man nicht kommen hört; Mülltonnen, die auf Gehwegen geparkt werden und zum Ausweichen auf die Straße zwingen oder dreiseitige Plakataufsteller an Ampelmasten. „Mein Hund erkennt dadurch die Ampel nicht mehr, und sie bedecken oft den Drücker“, so Gertrud Frese.

Man kann es indes nicht allen recht machen. Diese Lebensweisheit gilt insbesondere dort, wo es um die Vereinbarkeit von baulicher Barrierefreiheit und gestalterischen Ansprüchen geht. Während etwa Sehbehinderte sich über kontrastreiche Bodenelemente freuen, die ihnen bei der Orientierung helfen, ist eine farbliche Abhebung nicht immer im Sinne der Bauplaner.

„Auf der sprichwörtlichen grünen Wiese lassen sich Umbauarbeiten für mehr Barrierefreiheit deshalb einfacher realisieren als etwa auf dem gestalterisch sensiblen Wilhelmsplatz“, erklärt Frank Seubert. Seit ein Gesetz aus dem Jahr 2002 die Gleichstellung von Behinderten und Nicht-Behinderten und damit die Barrierefreiheit in den Fokus gerückt hat, hat sich im Stadtgebiet viel getan. Die Stadt Offenbach hat sich des Themas schon früh angenommen und etwa diverse Haltestellen umbauen lassen.

Mit Sehbehinderten auf Tandemtour

In Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren aus der Arbeit mit Behinderten haben die Verantwortlichen 2007 dann den erwähnten Leitfaden entwickelt. In den nächsten Jahren soll dieser fortgeschrieben und noch besser an die Bedürfnisse Betroffener angepasst werden - wieder unter Beteiligung der Behindertenvertreter. Das ist auch nötig, denn die Abstimmung mit lokalen Akteuren ist Voraussetzung für den Erhalt von Fördermitteln, die meist etwa 70 Prozent der Kosten abdecken. „Der Leitfaden soll eine Vorgabe für externe Planer sein, um ihnen etwas an die Hand zu geben“, erklärt Stadtplaner Seubert.

An der Kaiserstraße zwischen Hauptbahnhof und Geleitsstraße hat die Stadt mittels umfassendem Grundausbau ein beispielhaftes Modell zur Barrierefreiheit geschaffen. Breite, helle Gehwege ohne Neigungen, Bordsteinabsenkungen, Noppenplatten als Blindenleitstreifen, Sitzgelegenheiten und Ampeln mit akustischen Signalen erleichtern Seh- und Gehbehinderten, sich im öffentlichen Raum zu bewegen.

Der barrierefreie Umbau von Fußgängerüberwegen schlägt mit rund 5000 Euro zu Buche, ein Neubau käme nur 900 Euro teurer. Wird eine Haltestelle an die Bedürfnisse körperlich eingeschränkter Fahrgäste angepasst, kommen schnell 22.000 Euro zusammen. Die Mehrkosten für eine neue Haltestelle liegen jedoch bei nur 2500 Euro. „Deshalb macht es meist mehr Sinn, bei Neubaumaßnahmen anzusetzen“, bringt es Frank Seubert auf den Punkt.

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