Batterie wiegt zwei Tonnen

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Saft für den ÖPNV-Stromer: Fahrer Herbert Gallasch zeigt, wo und wie der Elektrobus geladen wird.

Offenbach - Das Kopfsteinpflaster der Hebestraße ist schuld: Es rüttelt die Premierenpassagiere richtig durch, der Bus ächzt und schaukelt. Vom Clou des zwölf Meter langen Gefährts, dass es nämlich ohne Motorengeräusch durch die Stadt rollt, ist zunächst nichts zu bemerken. Von Matthias Dahmer

Erst der als Asphalt der Unteren Grenzstraße erreicht ist, wird’s lautlos, wird deutlich, dass höchstens die Federung noch einer Nachjustierung bedarf.

Zahlreiche geladene Gäste und eine den Anlass unterstreichende Presseschar bekommen gestern Vormittag auf dem Gelände der Offenbacher Verkehrsbetriebe und später bei mehreren kleinen Stadtrundfahrten Deutschlands, ja sogar Europas, ersten rein elektrisch betriebenen Linienbus dieser Größe vorgestellt. Vom nächsten Montag an bis zum 15. Dezember wird der Stromer mit seinen 23 Sitzplätzen im Testbetrieb auf der Linie 103 rollen, welche die Strecke Mühlheim, Offenbach, Frankfurt-Bornheim bedient.

Fahrer ist durch einen mächtigen Block vom Rest des Busses getrennt

Vorne Einsteigen ist beim Pilot-Bus nicht möglich. Weil die gesamte Antriebstechnik auf der Vorderachse liegt, ist der Fahrer durch einen mächtigen Block vom Rest des Busses getrennt und sitzt in einer abgeschlossenen Kabine. So kann er während der Fahrt weder Auskünfte geben noch Fahrkarten verkaufen. Weshalb im Fahrgastraum ein weiterer OVB-Mitarbeiter mitfährt, um diesen Job zu erledigen. Zehn Busfahrer und vier Mitarbeiter der hauseigenen Werkstatt haben die OVB geschult, um den Bus fahren beziehungsweise warten zu können.

Angetrieben wird das knapp 13 Tonnen schwere und bis zu 90 Stundenkilometer schnelle Fahrzeug, von an mehreren Stellen platzierten Lithium-Ionen Batterien, die alleine zwei Tonnen wiegen und eine Leistung von 150 Kilowattstunden bringen. Je nach Streckenprofil und Einsatzart reicht diese Energie dazu aus, um dem Fahrzeug eine Reichweite zwischen 120 und 160 Kiloometern zu spendieren.

Ein einzelner Umlauf des Busses auf der Offenbacher Strecke der Linie 103 beträgt zunächst nur etwa 90 Kilometer, daher ist theoretisch gewährleistet, dass der Elektrobus, der innerhalb von drei Stunden an einer stationären Ladestation auf dem Betriebsgelände der OVB aufgeladen werdne kann, ohne schlapp zu machen eine Runde schafft.

Ob es wirklich funktioniert, wird die Praxis zeigen. Sowohl OVB-Chef Volker Lampmann, der von einem Austausch der Sicherungen noch in der Nacht vor der Premiere zu berichten weiß, als auch Jürgen Kamps, Geschäftsführer des Herstellers Contrac aus Wiesbaden, räumen ein, dass die Technik noch ihre Alltagstauglichkeit beweisen muss. Lampmann: „Der Bus ist ein Pilotprojekt. Seine Erprobung dient der Erkenntnis, welche technischen Herausforderungen noch bewältigt werden müssen und in welche Richtung die Hersteller weiter gehen sollten.“ Der OVB-Geschäftsführer geht davon aus, dass Elektrobusse erst in fünf bis zehn Jahren serienreif und alltagstauglich sind.

Derzeit kostet der Bus noch 450.000 Euro. Zum Vergleich: Ein herkömmlicher Diesel-Bus dieser Größe ist für rund die Hälfte zu haben. Jürgen Kamps geht davon aus, dass sein Unternehmen in etwa eineinhalb Jahren Elektrobussse für 350.000 Euro anbieten kann.

Für Volker Lampmann, der bis vor kurzem die regionale Leitstelle Elektromobilität führte, ist der Bus das lange erwartete „Sahnehäubchen“ im vom Bund geförderten Demonstrationsvorhaben, zu dem auch die Ausleihstation für Elektrofahrräder und - autos am Marktplatz gehört.

Seine Nachfolgerin Anja Georgi ist ebenso wie Lampmann „stolz wie Bolle“, dass der E-Bus endlich in Offenbach rollt. Sie widerspricht der pessimistischen Einschätzung von Oberbürgermeister Horst Schneider, wonach die Förderung des regionalen Modellvorhabens - eines von bundesweit acht - gefährdet sei. Die aktuelle Förderung läuft noch bis Ende 2013. Danach bekommt das Kind allerdings einen neuen Namen, heißt dann „Schaufenster Elektromobilität“, für die sich die Region erneut bewerben muss.

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