Stadtentwicklung in historischem Umfang

Der Bauboom in Offenbach nährt Hoffnung

+
Offenbach muss beim Wohnungsbau auf Verdichtung setzen: Im Herzen der Stadt nimmt das Projekt „Wohnen am spitzen Eck“ Formen an.

Offenbach - War in Offenbach in jüngster Vergangenheit von Baustellen die Rede, dann waren damit zum Beispiel Haushaltsdefizit oder Sozialstruktur gemeint. 2015 bringt den Bedeutungswandel. In diesem Jahr heißen die Baustellen Hafengold, Luisenhof, Green Parc oder Soho. Von Matthias Dahmer

Es sind diesmal echte Baustellen, welche so etwas wie Aufbruchstimmung erzeugen und die Hoffnung nähren, dass der Stadtumbau, der Wandel von der Industrie- zur Wohn- und Dienstleistungsstadt, endlich gelingen könnte. Dass Offenbach dabei vom mittlerweile für Investoren viel zu teuren Pflaster Frankfurt profitiert, wird gern hingenommen. „Wir leben in einer Boomregion, und vielen gilt Offenbach als unentdecktes Juwel“, schwärmt der Oberbürgermeister. Die Zahlen geben Horst Schneider recht: Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die einst für 2030 angepeilte Marke von etwa 10.000 mit Einkommen ausgestatteten Neubürgern viel früher erreicht wird. Allein in den größeren Bauprojekten sind bis 2015 Wohnungen für mehr als 4000 Menschen entstanden. Weitere 1300 Wohnungen sind konkret geplant.

Rekorde purzeln zum Jahresende am Kaiserlei: 100 Millionen Euro, wird im November verkündet, steckt der Investor Wohnkompanie in das neue Goethequartier, wo auf einem einstigen Bahn-Areal 350 Wohnungen samt Nahversorger und Kita entstehen sollen. 300 Millionen Euro, heißt es Anfang Dezember, investiert die CG Immobiliengruppe in das alte KWU-Gelände direkt am Kaiserlei-Kreisel. Geplant sind mehr als 900 Mietwohnungen, Gewerbebauten und dazugehörige Infrastruktur – es wäre die bislang größte Einzelinvestition in der jüngeren Stadtgeschichte. Auch wenn insbesondere beim letztgenannten Projekt erhebliche Zweifel gewachsen sind, ob es tatsächlich so kommt wie angekündigt – den Bauboom „historisch“ zu nennen ist nicht übertrieben.

Das sind die zehn höchsten Gebäude in Offenbach: Bilder

Die größte Strahlkraft geht ohne Frage vom Hafen aus. Unbeirrt von vereinzelter Kritik an zu verdichter Bebauung wächst auf der ehemaligen Industriebrache am Main das neue Stadtviertel im Zeitplan. 2015 sind es weniger die Wohnungen als vielmehr die Infrastruktur die im Fokus steht: Eine von zwei Brücken über das Hafenbecken wird für den Verkehr freigegeben, für die neue Hafenschule wird der Grundstein gelegt und das Quartierszentrum mit großen Nahversorger wird eröffnet. Die Begleitmusik zum Engagement der privaten Investoren kommt von IHK und Stadtverwaltung in Form des Masterplans. Mit dem beispiellosen Werk, dessen endgültige Beschlussfassung formell noch aussteht, sind unter – letztlich zu geringer – Bürgerbeteiligung in einem 400 000 Euro teuren Prozess die Leitplanken des Wohn- und Gewerbestandorts Offenbach für die nächsten 15 Jahre geschmiedet worden. Vor allem die Wirtschaftsvertreter dürfen sich als Profiteure fühlen. Legt der Masterplan doch verbindlich fest, wo Gewerbegebiete bestehen beziehungsweise vorgesehen sind. Eine bislang aufgrund lavierender Politik nicht immer bestehende und offenbar nicht zu unterschätzende Sicherheit für Investoren.

Für ambitionierte Bauherren: Wohnen in historischer Fabrik

Ein mit 3,5 Millionen Euro veranschlagtes und damit finanziell vergleichsweise bescheidenes Projekt der Stadtentwicklung muss Offenbach selbst stemmen: Der Umbau des Marktplatzes. Der dazugehörige Gestaltungswettbewerb hat schon einen Sieger hervorgebracht, was bis zum avisierten Baustart im März 2018 tatsächlich verwirklicht werden kann, ist offen. Sicher ist nur: Die beabsichtigten gravierenden Änderungen in der Verkehrsführung rund um den Platz garantieren auch 2016 noch jede Menge Ärger.

Mehr zum Thema

Kommentare