Vom Baum zum Kunden

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Was von der Ernte übrig blieb. Gerlinde Güntling und andere Marktbeschicker verkaufen jetzt die letzten Kirschen der Saison.

Offenbach - Rumtopf oder Kirschenmichel würde Claudia Schupp empfehlen. Hauptzutat: ganz klar, ihre Knorpelkirsche. Außen besonders prall, sind die rotbraunen, fast schwarzen Kugeln innen fest und sehr saftig. Von Katharina Hempel

Lagerbeständig sind sie auch, das mögen vor allem die Marktbeschicker. Die Reise vom Baum über den Pflükkerkorb in die hölzerne Transportkiste und schließlich von der Papiertüte in den Mund - oder in den Kochtopf - kann der Knorpelkirsche kaum etwas anhaben. Zusammen mit ihrer Verwandten in Herzform gehört sie zu den Sauerkirschen.

Frau Schupp kommt aus Riedstadt, die roten Früchte, die vor ihr liegen und zum Naschen verführen, aus Ingelheim. „Das ist das Zentrum des Kirschenanbaus im Rhein-Main-Gebiet“, weiß ihr Kunde und steckt sich eine der Knollen in den Mund. Würde er ein ganzes Pfund verdrücken wollen, müsste er hier vier Euro aus seinen Taschen hervorkramen.

Süß oder sauer - die Kirsche und ihr Baum gehören zu der Gattung Prunus, den Rosengewächsen. Artverwandt sind Pflaumen, Pfirsische und Aprikosen. Auch Mandeln gehören dazu. Reif sind Kirschen relativ früh im Jahr - dafür nur eine kurze Zeit lang.

„Die Kirschsaison dauert insgesamt etwa drei Monate“, erläutert Christof Rühr aus Alzenau. Nach einem Blick in seinen Kalender fügt er hinzu: „Los ging es mit der Ernte Ende Mai. Süßkirschen gab’s zum letzten Mal am 6. Juli. Jetzt gibt es bei mir nur noch Sauerkirschen.“ Unter einem orange-grünen Schirm bietet Rühr das Steinobst aus eigenem Anbau an - direkt vom Baum zum Kunden. Kühllager gibt’s nicht.

Zwei Euro verlangt er für 500 Gramm Kirschen, die er „aus dem letzten Winkel raus geerntet“ hat. Heute liegen die kleinen, dunkelroten Früchte wahrscheinlich zum letzten Mal neben seinen goldgelben Mirabellen. Es sei zwar ein gutes Kirschenjahr gewesen, doch nun lasse die Konsistenz nach.

Weich und schrumpelig würden die Kirschen auch nicht mehr als Göttergeschenke durchgehen. Als solche gelten sie nämlich in der asiatischen und römischen Mythologie. Den Römern verdankt das Obst seine Ausbreitung - zuerst in Europa, dann in der ganzen Welt. Auch die alten Griechen leisteten ihren Beitrag: Ohne sie gäbe es die „Kirsche“ erst gar nicht. Ein Baum mit den Früchten wuchs in Kerasos, einer griechischen Kolonialstadt am Schwarzen Meer. Bis heute klingt der Name dieser Stadt im Wort „Kirsche“ mit - im arabischen „karras“, im französischen „cerise“ im englischen „cherry“.

Klein und rund, leuchtend rot und sauer oder groß und herzförmig, dunkelviolett und süß - Farbe, Form und Geschmack variieren von Kirsche zu Kirsche. Während ihrer Hochsaison können bis zu 400 unterschiedliche Sorten reifen - von der Schattenmorelle bis zur spätblühenden Traubenkirsche.

Doch die Zeit der so genannten Sommerboten ist nun so gut wie vorüber. Bei Gerlinde Güntling ging sie dieses Jahr gar nicht erst los. „Uns hat es alles verhagelt“, klagt sie. „Das Wetter und die Ernte waren schlecht.“ Ein paar ihrer Süßkirschen haben es trotzdem noch aus dem Schwarzwald und auf ihre Offenbacher Marktbank geschafft. Vergüten lassen sie sich die Reise mit 3,50 Euro für jedes halbe Kilo.

Die Kirsche ist ein Allroundtalent. Das Früchtchen enthält Kalzium, Eisen, Vitamin A und C. Kinder hängen sie sich gerne als Schmuck hinter die Ohren und spucken mit ihren Kernen um die Weite und die Wette - so muss der Sommer sein. Wem es vor der kalten Jahreszeit graut, der spuckt nicht, sondern bastelt. Ein Kirschkernkissen nämlich. Das hält warm und duftet auch im Winter noch herrlich nach Sommer.

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