In der Baumkrone bekämpft mancher seine Höhenangst

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Erika Stoll aus München ist begeistert von den Herausforderungen der Kletteranlagen im Offenbacher Leonhard-Eißnert-Park.

Offenbach - Durch das dichte Blätterwerk wirft die Morgensonne bizarre Schattenfiguren auf den laubbedeckten Boden des Leonhard-Eißnert-Parks. Auf der sattgrünen Wiese liegt noch Tau. Alles wirkt noch verschlafen, doch Raffael Schnall und sein Team vom „Fun Forest“ sind schon da. Von Katharina Skalli

Sie erwarten an den Osterfeiertagen bis zu 300 Gäste täglich, die in die Bäume steigen. Osterspaziergang war gestern. Heute zieht es viele Familien hoch bis in die Baumkronen.

Hochseilgärten gibt es in der Region einige, doch das Konzept, wie es im April 2007 in Offenbach umgesetzt wurde, ist selten. Hier hangelt man sich von Baum zu Baum. „Eigentlich haben wir in der Region keine Konkurrenz, weil unser Park sehr groß ist“, sagt Parkmanager Schnall. Zwischen 13 Parcours können die Besucher wählen. Drei davon gehören zum Profipaket. Sie dürfen erst ab 14, 16 oder 18 Jahren geklettert werden und erfordern Geschick und Ausdauer. „Das machen oft richtige Adrenalin-Junkies“, sagt Schnall.

Ein mutiger Kampf von Baum zu Baum

Er, seine Kollegin Kaneko Sunagawa und ihre Mitarbeiter sind bis ins Detail geschult. Dazu gehört auch die Rettung von Personen. „Das ist eigentlich der wichtigste Teil der Ausbildung“, so Schnall. Es gebe immer wieder Menschen, die sich überschätzten. Hin und wieder haben die Betroffenen dann richtig Panik. Mit dem Signalwort „Rothelm“ rufen sie einen der Mitarbeiter am Boden herbei, um sich abseilen zu lassen.

Der betreut den „Zuhochgekletterten“ erst mal verbal und versucht, ihn zu beruhigen. Etwa zwei bis drei Prozent der Besucher werden so wieder zu Boden gebracht. Der Rest kämpft sich mutig und konzentriert von Baum zu Baum. Mal geht es über dünne Äste, die an Drahtseilen baumeln, zur nächsten Station oder über einen schmalen, leicht schwingenden Steg. Ein andermal saust man per Seilbahn durch die Lüfte oder klettert eine steile Wand hinauf.

Man mag es nicht glauben, aber auch von Höhenangst geplagte Menschen wagen sich in die Baumkronen. „Bei uns wird sie bekämpft“, versichert der Parkmanager und schmunzelt. Sicherheit steht ganz oben. Mit dem neuen Safe-Link-SSB-System ist ein noch sichereres Klettern möglich, da die Kletterer die ganze Zeit mit dem Sicherungsseil verbunden sind. Vor allem für Lehrer, die mit einer Schulklasse einen Ausflug in den Park machen, bedeutet das eine stressfreiere Betreuung der Schüler. Bevor es los geht, muss jeder Teilnehmer die allgemeinen Geschäftsbedingungen unterschreiben. Wenn er bezahlt hat, bekommt er seine Ausrüstung und wird von den Profis in die Technik eingewiesen.

 Viele kommen wegen der Seilrutschen

Am Ostersamstag hat sich schon früh eine Gruppe unter den Bäumen versammelt. Mit hellblauen Helmen und einem Sicherungsgurt um Beine und Hüften lauschen sie dem Trainer, der die wichtigsten Regeln erläutert, das Sicherungssystem erklärt und Ängste nimmt: „Ihr seid dreifach gesichert, es kann gar nichts passieren.“

Nina Roth ist mit ihren beiden Cousinen aus Schaafheim gekommen. Sie klettert zum ersten Mal. „Ich habe keine Angst“, sagt die 25-Jährige, „aber Respekt“. Ines und Sandra haben den Sport schon einmal ausprobiert, doch so einen großen Park wie in Offenbach haben sie noch nie besucht. Zuversichtlich nehmen sie das Profipaket. Das heißt, es geht so richtig in die Höhe. Inklusive Seilrutschen quer über den Park, Surfboard und Basejump. „Viele kommen wegen der Seilrutschen“, verrät Raffael Schnall. Doch wer nicht genug Schwung hat, muss von einem Rothelm gerettet werden. Der zieht ihn dann bis zur nächsten Station.

Vor etwa zehn Jahren schwappte der Kletter-Trend von Frankreich nach Deutschland. Den ersten Park gab es am Bodensee. Schnell wurden es mehr. Das Außergewöhnliche ist, dass man Zeit in der Natur verbringen kann und etwas macht, was nicht alltäglich ist: Sich von Baum zu Baum zu bewegen und trotzdem festen Boden unter den Füßen zu haben.

Ganz so fest ist der dann doch nicht. Die Holzblöcke, die Erika Stoll aus München Schritt für Schritt entlang schreitet, wackeln ganz schön. Mit ihren Händen und Armen sichert sie sich am Halteseil. Drei Karabiner sorgen für ihre Sicherheit. Als sie es bis zum nächsten Baum geschafft hat, lächelt sie stolz.

An drei Terminen wird auch im Dunkeln geklettert. Beim „Nachtklettern“ erstrahlt der Eißnert-Park dann in buntem Lichterglanz.

Auf den ersten Blick sind die Parcours in den Wipfeln kaum zu erkennen. Mit viel Holz und erdigen Tönen passen sich die kleinen Terrassen an die Umgebung an, in der sich immer mehr Menschen wie zu großgeratene und schwerfällige Eichhörnchen durch das Wäldchen bewegen. An jedem großen Baumstamm erwarten die Besucher eine neue Variante. Wer zum ersten Mal da ist, weiß nicht, was ihn ein paar Meter weiter erwartet. Viele der Besucher suchen den besonderen Kick. Deshalb sind Elemente wie das Snowboard so beliebt.

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