Baustelle weg, Falle weg

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Das sieht jetzt jeder ein: Kurz vor der Kurve und nicht schon einen halben Kilometer vorher, soll der Tacho nicht mehr als 60 zeigen.

Offenbach ‐ Es existiert keine Statistik, die Auskunft darüber geben könnte, wie viele Autofahrer im vergangenen Jahrzehnt in die regelmäßig am Offenbacher Ende der Bundesstraße 448 aufgebaute polizeiliche Radarfalle gerauscht sind. Von Thomas Kirstein

Aber auch ohne belastbares Zahlenmaterial lässt sich guten Gewissens behaupten: Eine seltsam wirkende Geschwindigkeitsregelung an dieser Stelle bescherte dem Staat bisher Bußgelder in beträchtlichem Umfang und vielen Verkehrsteilnehmern Punkte in Flensburg.

Was sich dort so lukrativ auswirkte, war das Gebot, das Tempo nicht erst kurz vor der Kurve, sondern bereits 500 Meter vorher auf 60 Stundenkilometer zu drosseln. Dass sich kein Grund für diese sehr frühe Reduzierung erschloss, verleitete ansonsten brave Autofahrer zu spätem Abbremsen und ließ etliche Rüpel am Steuer die Langsamfahrer noch auf den letzten hundert Metern riskant überholen. Dies wissend, baute sich die Polizei gern unter der Brücke auf.

Geschwindigkeitsvorgaben decken sich mit Autofahrerlogik

Mit der Einträglichkeit im gewohnten Umfang dürfte es seit einiger Zeit vorbei sein. Die geänderten Geschwindigkeitsvorgaben decken sich mit durchschnittlicher Autofahrerlogik: von 120 auf 100, dann auf 80, erst kurz vor der Kurve 60 und oben an deren engster Stelle dann 40.

Eines der letzten Opfer der früheren Regelung ist der Bürgeler Fred Stephan. Den Fahrlehrer im Ruhestand erwischte das Radar in Höhe der Brücke, die die B 448 zwischen Biebers Friedhof und dem Käsmühlfeld überquert. Sein Tacho zeigte deutlich mehr als die erlaubten 60 an.

Keine zwei Wochen später, so erkennt er bei der nächsten Fahrt, wäre ihm das nicht mehr passiert. Mittlerweile nämlich gilt an der fraglichen Stelle Tempo 80. Stephan fühlt sich in der auch die Medien füllenden Meinung bestätigt, Polizei und Ordnungsämter kontrollierten weniger dort, wo es aus Sicherheitsgründen notwendig wäre, sondern dort, wo es sich meisten lohne. Dass die merkwürdige Regelung so mir nichts dir nichts verschwunden ist, bestärkt ihn.

Hatte die Redaktion in der Vergangenheit den Anlass für die scheinbar heimtückische Regelung erfahren wollen, sprach die Polizei nur lapidar von einem Unfallschwerpunkt. Die aktuelle Nachfrage, ob die Gefahr denn plötzlich nicht mehr gegeben sei, enthüllte die tatsächlichen, aus unerfindlichen Gründen bislang verschwiegenen Zusammenhänge: Wie Polizeisprecher Josef Michael Rösch und Rainer Buck vom Straßenverkehrsamt erläutern, wurzelte die sehr frühe Beschränkung auf 60 in der 1999 begonnenen Sanierung der nahe gelegenen ehemaligen Mülldeponie Grix.

So sollte verhindert werden, dass es zu gefährlichen Situationen wegen Lastwagen kam, die am Ausbauende auf die linke Spur wechselten, um langsam in die Baustelle einzufahren. Inzwischen ist die Deponie saniert, es gibt keinen Baustellenverkehr mehr, die Temporegelung hat sich erübrigt.

Was aber nicht heißen soll, dass am Ende der B 448 jetzt überhaupt nicht mehr geblitzt werden wird.

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