Fahrraddiebstahl

Bei der Aufklärung ein Vorbild

Offenbach -  Langener Waldsee vor zwei Jahren, Triathleten haben das Schwimmen absolviert, wollen in den Sattel steigen und vermissen ihr Sportgerät; gut informierte Diebe haben einige der sündhaft teuren Fahrräder mitgehen lassen. Von Thomas Kirstein

Ein spektakulärer Fall von rund 2.000 Fahrraddiebstählen, die jedes Jahr in Stadt (2011: 618) und Kreis (2011: 1282) angezeigt werden. Fahrraddiebstahl ist bundesweit ein Massendelikt. Und die Polizei unternehme kaum etwas dagegen, klagte jüngst Der Spiegel. Die Offenbacher Polizei kann damit nicht gemeint gewesen sein.

Denn geht’s um Fahrraddiebstahl, blickt die ganze hessische Polizei nach Offenbach, will wissen, wie eine deutlich überdurchschnittliche Aufklärungsquote zustande kommt. Landesweit liegt die Quote bei zehn Prozent, die Offenbacher schafften 2011 im Kreis 18,5 und in der Stadt 15,5 Prozent. Kommissar Zufall hat damit nichts zu tun, sondern Organisation.

„Frankfurter wollen von uns lernen"

„Auch die Frankfurter wollen von uns was lernen“, sagt Oberkommissar Frank Scherling, der neben seiner Arbeit im Polizeipräsidium an der Polizeiakademie inzwischen regelmäßig Vorträge zum Thema Fahrraddiebstahl hält.

Mal mehr, mal weniger: Seit 1998 werden in der Stadt jedes Jahr zwischen 450 und 700 Fahrräder geklaut.

Vorbildfunktion hat ein 2010 gebildetes spezielles Sachgebiet innerhalb der Regionalen Ermittlungsgruppe (REG). Waren vorher die einzelnen Reviere für das Delikt zuständig, kümmern sich jetzt drei Beamte ausschließlich um Ermittlungen rund ums Fahrrad. Der REG-Vizechef, Kriminalhauptkommissar Peter Keller, sieht den bisherigen Erfolg in der Konzentration auf eine Aufgabe begründet, auf den Vorteil, dass sich Beamte in die Materie einarbeiten können.

Die Polizisten um Sachgebietsleiter Markus Rieth ermitteln, wie es bei der Polizei heißt, täterorientiert. Sie gehen davon aus, dass es sich bei einem Fahrraddiebstahl meist nicht um eine Einzeltat handelt, also das illegale Ausleihen eines Drahtesels, um von A nach B zu kommen. Es werden, bei Bedarf auch am Tatort, Spuren wie Fingerabdrücke gesichert und abgeglichen, Zeugenhinweisen und Tipps wird nachgegangen, Verdächtige werden im Auge behalten, Erwischte mit anderen Diebstählen in Verbindung gebracht. Die Zentralisierung lässt Zusammenhänge, eine Serie oder momentane örtliche Schwerpunkte erkennen.

Hochgerechnet 500 Fahrräder geklaut

Ein Geschnappter kann dann die – wie die Polizisten zugeben, bei diesem Delikt immer sehr bescheidene – Aufklärungsquote hochtreiben. Im vergangenen Jahr flogen etwa zwei junge Seligenstädter auf, die seit einigen Jahren hochgerechnet 500 Fahrräder geklaut und, gut organisiert von Hehlern, auf Flohmärkten abgesetzt haben müssen. Einem drogenabhängigen Mittvierziger aus Neu-Isenburg konnten die Beamten 50 Diebstähle zuordnen; er stahl am Tag ein oder zwei Räder, die fünf Minuten später bei den Hehlern waren. „Das war eine südeuropäische Sippschaft, die Fahrradtransporte nach Serbien organisiert hat“, weiß Oberkommissar Markus Rieth.

Generell ist der Weg von Dieb zum Hehler relativ kurz. Oft auch zum Direktabnehmer, wenn Passanten kurz nach dem Klau angesprochen werden. Der gängige Preis beziehungsweise der Erlös für den Dieb bewegt sich um die 20 Euro, erst die Hehler machen das Geschäft. Hochwertige Zweiräder gehen ins östliche Ausland oder auch über E-Bay im Internet weg.

Entgegen landläufiger Meinung verschwinden richtig teure Bikes gar nicht so häufig. „Die werden von ihren Besitzern eher überallhin mitgenommen oder mit richtig guten, nur schwer zu knackenden Schlössern gesichert“, erklärt Frank Scherling.

Diebe brauchen nicht mal Werkzeug

An den neuen Faltschlössern beispielsweise scheitern die meisten Bolzenschneider. Für so manches billigere Modell dagegen braucht der Dieb noch nicht einmal ein Werkzeug. Es gibt freilich auch immer noch Radler, die glauben, es reicht, Rad und Rahmen mit einem Schloss zu verbinden, denen das Eigentum dann einfach davongetragen wird.

Generell aber wird besser gesichert, was wohl mit dazu beiträgt, dass sich die Zahlen der jüngsten Jahre die Waage halten. „Der Trend geht auch zum Zweitschloss“, sagt Frank Scherling.

Rund 15 Prozent der Diebstähle sind übrigens juristisch „leichte“ – weil sie gar nicht abgeschlossen waren, noch nicht einmal mit einem kinderleicht zu knackenden Speichenschloss. Diebstahlhemmend wirken sich auch Hinweise („Finger weg! Mein Rad ist codiert!“) auf dem Rahmen aus, dass der Drahtesel mit einer speziellen Kennnummer registriert ist und damit Eigentümern zuordenbar ist. Etwa wenn der Polizei aufgefallen ist, dass ein Edel-Bike nicht ganz zu dem momentanen Besitzer zu passen scheint: Schließlich muss nicht der Nutzer einen Eigentumsnachweis bringen, sondern die Polizei einen Diebstahl nachweisen.

Auf die Wirkung allein von verschlossenen Räumen oder Arealen sollte indes niemand setzen: Es gibt zwar keine Statistik darüber, aber aus Offenbacher Hinterhöfen sind in letzter Zeit etliche Fahrräder herausgetragen worden.

Rubriklistenbild: © Kirstein

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