Behandlung mit Weitsicht

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Wenn schon beim Arzt, dann wenigstens mit schöner Aussicht: In den Obergeschossen des KOMM entsteht ein Ärztezentrum. Im Herbst soll es fertig sein.

Offenbach ‐ Der Trend zu größeren Einheiten bei der ambulanten medizinischen Versorgung in Offenbach geht weiter: Bis zum Herbst sollen sich in der dritten und vierten Etage des neuen Einkaufszentrums KOMM bis zu 15 Ärzte angesiedelt haben. Von Matthias Dahmer

Das medizinische Kompetenzzentrum in den Panorama-Geschossen stecke mitten in der Vermarktung, und der bisherige Verlauf der Gespräche mit interessierten Medizinern stimme ihn optimistisch, sagt Markus Brod, Rhein-Main-Niederlassungsleiter der Hochtief-Projektentwicklung GmbH, der die Immobilie in der Innenstadt gehört.

In der dritten Etage ist ein sogenanntes Kopfzentrum geplant. Vom Zahnarzt über den Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten bis zum Kieferchirurgen kümmern sich dort sechs bis sieben Ärzte um die Patienten. Im Stockwerk darüber soll etwa die gleiche Anzahl weiterer Fachärzte praktizieren.

Insgesamt stehen in den beiden Etagen 5 500 Quadratmeter Mietfläche zur Verfügung, 4 400 davon sind für die Mediziner reserviert. Der Rest könnte als Büros dienen. Bei dem angepeilten Projekt handelt es sich laut Hochtief-Mann Brod um medizinische und therapeutische Dienstleistungen, die von einer Ärztegemeinschaft angeboten werden. Ein von nur einem Betreiber geführtes medizinisches Versorgungszentrum sei nicht angedacht.

Braucht Offenbach so viele Ärzte?

Ein paar Nummern kleiner ist ein Vorhaben in der ehemaligen Kita des Klinikums am Starkenburgring. Dort werden bereits am 15. April zunächst ein Urologe und ein Radiologe sowie eine Filiale des Sanitätshauses Schneider & Piecha eröffnen. Darüber hinaus laufen Verhandlungen mit einer weiteren urologischen Praxis sowie mit einem Hausarzt.

Wie bereits berichtet, baut ein Apotheker das ehemalige Domizil des DGB in der Berliner Straße 79 in ein Ärztehaus um. Ab August haben dort auf vier Stockwerken, jedes 240 Quadratmeter groß, mehrere Offenbacher Doktoren eine neue Adresse. Damit nicht genug: Auch in der Immobilie von Kleider-Frei am Marktplatz, der derzeit eine Runderneuerung verpasst wird, sind in den oberen drei Etagen Arztpraxen vorgesehen.

Braucht Offenbach so viele Ärzte? Die Frage basiert auf einem Denkfehler, klärt Karl Matthias Roth, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV) auf. Weil nur existierende Praxen in die entstehenden Zentren integriert werden könnten, ergebe sich am Ende ein Nullsummenspiel. Wie viele Mediziner die Stadt benötige, unterliege nach wie vor der Bedarfsplanung, so der KV-Sprecher. Derzeit fehlen in Offenbach drei Hausärzte und ein Augenarzt.

Roth kann den Trend zum Gesundheitszentrum verstehen. Ist es doch zum einen für die Ärzte kostengünstiger, die benötigte Logistik gemeinsam zu schultern. Zum anderen gebe es Mediziner, welche das Risiko der Selbstständigkeit scheuten und deshalb lieber bei einem Zentrumsträger tätig seien.

Einzelpraxis ist politisch gewolltes Auslaufmodell

Kritisch, weil aus Patientensicht, sieht Dr. Eckhard Starke, Vorsitzender des Ärztevereins Offenbach, die Kooperationsbestrebungen. Er befürchtet eine „Verwirtschaftlichung des System“, bei der Ethik nur noch eine Nebenrolle spielt und der Patient besonders in den medizinischen Versorgungszentren mit ihren angestellten Ärzten zur Nummer degradiert wird. Individuelle Betreuung oder gar Hausbesuche seien da nicht mehr vorgesehen.

Anderseits hat er wegen der strukturellen Zwänge Verständnis für Zusammenschlüsse. „Die Einzelpraxis“, sagt Starke, „ist ein politisch gewolltes Auslaufmodell“. Wegen der Fallpauschalen müsse künftig mehr auf Masse gesetzt werden. Immerhin werde dem Patienten in Ärztehäusern ein fachübergreifende Versorgung geboten.

„Wir gehen einem Ärztemangel entgegen“, sagt Starke. Allein in diesem Jahr seien bundesweit 5 000 Stellen in Kliniken nicht besetzt, das Durchschnittsalter der Hausärzte liege bei 55 Jahren. Grund: Die schlechten Arbeitsbedingungen für Mediziner in Deutschland.

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