Behörden und Krankenkassen

Ein zermürbendes System

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Eigentlich eine gute Sache: Ersthelferkurse im Betrieb. Bei Jean Wehner hat ein solcher Lehrgang fatale Folgen.

Offenbach - Seit sechs Jahren kämpft ein 47-Jähriger bei Behörden und Krankenkassen darum, dass ein Sturz während eines betrieblichen Sanitätslehrgangs als Arbeitsunfall anerkannt wird. Von Matthias Dahmer 

Der Fall sorgte vor kurzem bundesweit für Aufmerksamkeit: Eine Lehrerin, die auf Klassenfahrt mit ihren Schülern in einem Bierzelt feiert, stürzt von der Festzeltbank, auf der sie getanzt hat.

Sie verletzt sich am Rücken, ist Wochen krank geschrieben und gewinnt ihren Prozess um die Frage, ob das Party-Malheur als Dienstunfall einzustufen ist. Einer, der es nicht bis in die Schlagzeilen geschafft hat, ist Jean Wehner. Seit sechs Jahren kämpft der 47-Jährige darum, dass ein Sturz während eines betrieblichen Erste-Hilfe-Kursus, der sein Rücken und sein Leben zerstörte, als Arbeitsunfall anerkannt wird.

Dicke Aktenordner berichten vom Leid eines gebrochenen Mannes und vergeblichen Versuchen, bei Gerichten und Versicherungsträgern als arbeitsunfähig anerkannt zu werden. Der Fall ist ein Paradebeispiel dafür, wie Zermürbung durch ein System funktioniert, das berechtigte Anspruchsteller zu Bittstellern degradiert.

Es ist der Vormittag des 16. April 2008, als der bei Infraserv Logistics im Industriepark Höchst beschäftigte Wehner im Verlauf eines Erste-Hilfe-Lehrgangs einen Kollegen rückwärts aus einem Auto ziehen soll. Der korpulente Kollege will Wehner unterstützen und stößt sich leicht mit einem Bein aus dem Auto ab. Wehner verliert das Gleichgewicht und landet – weil er das Schwergewicht nicht einfach loslassen will – auf dem Rücken.

Krankheit belastet die ganze Familie

Die Ärzte diagnostizieren einen Wirbelbruch, Wehner wird operiert, zwei Metallplatten stützen seitdem seine Wirbelsäule. Es folgen Reha und Nachbehandlungen, aus Wochen des Hoffens werden Monate, die Schmerzen bleiben. Kein Orthopäde, keine Therapie kann Jean Wehner helfen. Zu den körperlichen Qualen kommen psychische, er denkt immer öfter an Selbstmord. 2013 brechen beim Bücken zwei weitere Wirbel in Wehners Rücken, die Berufsgenossenschaft weigert sich strikt, das Geschehen beim Lehrgang als Arbeitsunfall anzuerkennen.

Es ist ein grauer Februartag. Jean Wehner liegt im Wohnzimmer seiner Mietwohnung auf dem Sofa. Kissen polstern seinen Rücken, wenn er spricht, hebt er nur leicht den Kopf, vermeidet ruckartige Bewegungen. „Ich kann nicht lange auf den Beinen sein“, sagt er. Ein Gutachter sieht das anders, hält ihn für sechs Stunden und mehr am Tag arbeitsfähig. „Die meinen, ich bin ein Simulant“, befürchtet Wehner. Dabei hat er sein ganzes Leben gearbeitet, war alleine 26 Jahre bei Infraserv beschäftigt. Und er würde gerne wieder arbeiten. Denn die Krankheit belastet nicht nur ihn, sondern auch seine Ehefrau, die alleine für den Lebensunterhalt sorgen muss.

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Die Berufsgenossenschaft und das Sozialgericht Darmstadt, vor dem Wehner wegen einer Berufsunfähkeitsrente klagt, begründen ihre Weigerung mit einem medizinischen Befund, mit dem sie rechtlich aus dem Schneider sind: Wehner habe schon vor dem Unfall an Osteoporose gelitten. Der Schaden an der Wirbelsäule hätte auch bei jeder anderen Tätigkeit eintreten können. Eine solche Vorschädigung, heißt es in der Rechtsprechung, schließe eine Einstufung als Arbeitsunfall aus, weil der ursächliche Zusammenhang nicht zwingend sei.

„Eine Osteoporose stand immer im Raum, wurde aber nie bewiesen“, sagt Wehners Hausarzt Dr. Eckhard Starke. Mittlerweile sei es so gut wie unmöglich, das Gegenteil zu beweisen. „Durch das jahrelange Leiden kann sich eine Osteoporose gebildet haben“, so der Offenbacher Mediziner. Er spricht von einer „beeindruckenden Leidensgeschichte“. Der Mann fühle sich zu Recht ungerecht behandelt, es sei tragisch, dass das Ganze nicht als Arbeitsunfall anerkannt werde. „Das normale Rechtsempfinden wird dadurch zutiefst erschüttert“, meint Starke.

Dass die Berufgenossenschaft sich weigert, weil sie einen Präzedenzfall vermeiden will und grundsätzlich erst einmal unausgesprochen den Aspekt des Simulantentums im Blick hat, will Wehners Rechtsanwalt nicht bestätigen. Er weist auf ein neues Gutachten hin, das im Auftrag des Gerichts auf die psychische Situation von Wehner abstellt. Mit dem hätten sich die Chancen seines Mandanten erhöht.

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Und er listet auf, an welchen juristischen Fronten der Kampf geführt wird, den Wehner nur aufnehmen konnte, weil er eine Rechtsschutzversicherung hat: Die Klage auf Rente wegen Berufsunfähigkeit vor dem Sozialgericht ging in erster Instanz verloren, Berufung soll eingelegt werden. Beim Grad der Behinderung hat das Sozialgericht bislang 70 Prozent anerkannt, der Prozess läuft. Das Verfahren gegen die private Unfallversicherung endete mit einem Vergleich, weil die Ursächlichkeit des Unfalls für den Schaden nicht beweisbar war. Wehner erhielt 3 500 Euro. Noch unklar ist die Anerkennung als Arbeitunfall vor dem Sozialgericht Frankfurt sowie bei der Berufsgenossenschaft. Die habe mittlerweile zwar schon zu einem Teil die Einstufung als Arbeitsunfall akzeptiert, doch das reiche nicht, so der Anwalt. Er betont: „Es geht Herrn Wehner nicht nur ums Finanzielle, sondern auch darum, dass sein Krankheit anerkannt wird.“

Die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie sieht sich auf Anfrage nicht in der Lage, zeitnah zur Akte Wehner Stellung zu nehmen, und beruft sich auf geschützte Daten.

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