Beim Kurt gibt es bald das letzte Hemd

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Eine Ära geht zu Ende: Nur noch im April verkauft Inge Fleckenstein in der Rumpenheimer Straße Textilien.

Offenbach-Bürgel - Den Textilwarenladen „Kurt“ in der Rumpenheimer Straße 9 kennt jeder richtige Bürgeler. Seit 52 Jahren steht Inge Fleckenstein am Tresen, verkauft Modisches für Drunter und Drüber und bedient persönlich, freundlich, kompetent. Kaum zu glauben, dass sich an diesem Stück Bürgeler Lebensgefühls jemals etwas ändern soll. Von Veronika Szeherova

Und doch lautet die traurige Nachricht: Zum Monatsende schließt Textil Kurt endgültig die Pforten.

Damit geht ein Teil der Identität des Stadtteils verloren. Vor 115 Jahren, also 1894, gründete Schneidermeister Johann Häuser das Textilfachgeschäft. Zunächst lag das Hauptaugenmerk auf der Herstellung von Berufskleidung, unter anderem für die Lederfabrik Mayer & Sohn oder Farbwerke Hoechst. Nebenbei wurde im kleinen Laden Kleidung für den alltäglichen Gebrauch verkauft. Dieses Geschäft wurde immer wichtiger, auch als Johann Häuser den Laden an Tochter Katharina Kurt übergab. Von ihr übernahm Tochter Inge 1957 das Geschäft.

Bis Ende April läuft der Ausverkauf mir Rabatten bis zu 50 Prozent. Von 9.30 Uhr bis 12 Uhr ist unter der Woche geöffnet. Inge Fleckenstein hofft noch auf viele nette Kunden.

Inge Fleckenstein fällt es schwer, Abschied vom Laden und der Familientradition zu nehmen. „Der Entscheidungsprozess hat sich über Jahre gezogen“, gesteht sie. Das Geschäft war Lebensinhalt, Aufgabe und Passion. „Das Verkaufen hat mir viel Freude bereitet und wird mir sehr fehlen.“Über die lange Zeit hat sie sich einen treuen Kundenstamm erarbeitet. Nicht allein Bürgeler wissen, dass sie bei ihr Qualität bekommen - nette Beratung und Lächeln inklusive. Doch auch Textil Kurt hatte immer mehr an den Folgen der „Geiz-ist-geil“-Mentalität und der Konkurrenz durch große Ketten zu leiden. Die jungen Leute seien eher in der Innenstadt in den Trendläden einkaufen gegangen, von der alten Stammkundschaft würden immer mehr auf dem Friedhof liegen. „Das klingt zwar jetzt hart, aber so ist es leider.“

So teilt Textil Kurt das Schicksal anderer Fachläden in Bürgel wie Brandner Haushaltswaren und Elektro-Röder: Die Kundschaft wird weniger, und es kommt kaum welche aus der jungen Generation nach. Daher habe sich ihr auch kaum die Frage nach einem Nachfolger gestellt: „Es hätte jemand wirklich Verlässliches sein müssen, der den Laden im traditionellen Sinne weiterführt.“So jemanden finde man heute nicht, und im Grunde mache das hier auch keinen Sinn mehr.

Die alte Dame möchte sich nun endgültig in den wohlverdienten Ruhestand begeben. Langweilig dürfte ihr nicht werden: Sie musiziert, singt im Kirchenchor und wirkte lange Zeit bei der Fastnacht mit. Jetzt freut sie sich auf Spaziergänge am Main und auf mehr Zeit für Familie und Enkel. Dennoch überwiegt noch das weinende gegenüber dem lachenden Auge: „Wenn ich jetzt morgens aufstehen, freue ich mich immer so darüber, dass ich in den Laden gehen kann.“

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