Vom Beinahe-Unglück bleiben Fragezeichen

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Da war endlich alles wieder gut. Superkräne stabilisierten ihren gestrauchelten Bruder, das THW erhellte mit seinem „Power Moon“ die Szenerie.

Offenbach - Wer hat wann erlaubt, dieses gelbe Ungetüm so nah an eine nicht richtig gesicherte Baugrube zu stellen? Wieso hat niemand rechtzeitig die Notbremse gezogen? Und wer trägt die Verantwortung für eines der größten Beinahe-Unglücke, das Offenbach je gesehen hat? Von Marcus Reinsch

Dass der 50 Meter hohe Kran auf der Altenheim-Baustelle am Spessartring, der die Stadt am Montag in Atem hielt, um Haaresbreite auf zwei Mehrfamilienhäuser gestürzt wäre, hat nicht erst am Tag danach einige Fragezeichen aufgeworfen.

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Der schiefe Kran von Offenbach

Um Antworten bemühte sich gestern unter anderem die Offenbacher Bauaufsicht. Zumal am Montagabend, als die Sache noch lange nicht ausgestanden war, Empörung über die Botschaft die Runde machte, ein Bauleiter habe vor dem Aufbau des Krans massive Zweifel an der Brauchbarkeit des vorgesehenen Standortes angemeldet. Ein Ergebnis der Bauaufsichtsberatungen war am Abend noch nicht bekannt. Die Genehmiger und Überwacher könnten einen Baustopp verfügen, falls sie weitere Gefahren erkennen.

Ob das überhaupt noch nötig wird, ist allerdings fraglich. Denn der Kran wurde noch in der Nacht in Einzelsegmente zer- und in der Baugrube abgelegt, in die sein Fundament am Montag fast gerutscht wäre. Und ohne diesen Lastenheber - so ein teures Gerät wird nicht gemietet und aufgebaut, wenn es nicht sehr bald zum Einsatz kommen soll - kann es auf dem Gelände kaum vorwärts gehen.

Bilder vom schiefen Kran

Unfälle auf zwei Baustellen

Ob die Bauaufsicht noch eingreife, sagte gestern der Stadtsprecher Matthias Müller, sei vom Ergebnis einer Abwägung zwischen Sicherheitsaspekten und berechtigten Interessen der Bauherrin, der Care-Center Invest GmbH aus Hannover, abhängig. Das Unternehmen plant, das 164 Pflegeplätze bietende Seniorenheim nach seiner Fertigstellung an die zur Oberurseler Casa Reha Holding gehörende Pro Vita GmbH als Betreiberin zu vermieten. Die Grundsteinlegung, hieß es bei der Vorstellung des 12-Millionen-Euro-Projekts vor erst einer Woche, sei für Juni zu erwarten, die Fertigstellung Mitte nächsten Jahres. Gegenteiliges ließ der Investor bisher nicht verlauten.

Beseitigt wurden alle Fragezeichen gestern also noch nicht. Der Schwebezustand, in dem sich rund 150 Bewohner der evakuierten Mehrfamilienhäuser in der Gefahrenzone plötzlich wiedergefunden hatten, war aber glücklicherweise noch in der Nacht beendet. Wer wollte, durfte kurz nach Mitternacht aus dem als Exil dienenden Achat-Hotel zurück in sein Appartement.

Kosten von mehr als 50.000 Euro

Der Kran wurde Segment für Segment abgebaut.

Der Spessartring im betroffenen Abschnitt blieb noch bis zur Morgendämmerung voll gesperrt; hier wurde Platz für schweres Gerät der Berufs- und der Freiwilligen Feuerwehren, des Technischen Hilfswerks und der Abschlepp- und Bergungsfirmen gebraucht. Viele Dutzend Helfer waren im Einsatz, darunter Polizei, Stadtpolizei und der Versorgungszug des benachbarten Roten Kreuzes.  Dr. Michael Eiblmaier, stellvertretender Leiter der Berufsfeuerwehr und für den Kran-Einsatz verantwortlich, war gestern nach wenigen Stunden Schlaf schon wieder im Dienst. Die Wehr hat jetzt weniger spannende Dinge zu erledigen. Unter anderem eine Rechnung schreiben für die „Technische Hilfeleistung“. Einige Tausend Euro werden da zusammenkommen. Der unmittelbare Schaden an Fundament und Kran wird auf nur etwa 10.000 Euro geschätzt. Die Kosten inklusive der notwendigen Autokräne allerdings auf mehr als 50.000 Euro.

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