Im Belagerungszustand

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Gestandene Zecher und kräftige Recken, anmutige Damen - fürs Auge wird viel geboten, wenn zu Rumpenheim das Mittelalter ausbricht.

Offenbach - Rumpenheim ist eingekesselt von Blech. Allerdings nicht von dem der Ritterrüstungen. Die sind schon drin im Schlosspark. Der Belagerungszustand verdankt sich vielmehr den Autos aus weiten Teilen Deutschlands, die die Gassen und die Einfallstraßen auf großer Länge säumen. Von Veronika Szeherova +++Fotostrecke+++

Rumpenheim ist, zum elften Mal, Mekka für die aktive Mittelalter-Szene und diejenigen, die das Spektakel nur optisch genießen wollen.

Wenn heutzutage über das Mittelalter als „dunkle Zeit“ gesprochen wird, passt das Bezeichnung ganz sicher nicht zum Mittelaltermarkt im Rumpenheimer Schlosspark: Dort tummeln sich Menschen in farbenfrohen Gewändern. Fröhlich bis wild ist die handgemachte Musik.

Fantastische und verklärende Elemente an den Ständen sind ein nicht wegzudenkender Teil des hier praktizierten Mittelalterbilds: Figuren von Einhörnern und Drachen sowie Schwerter, Rüstungen und Kleider in „Herr der Ringe“-Manier werden ebenso zum Verkauf angeboten wie der obligatorische Met.

Der sei, so warnt ein Schild, „nur für gestandene Mannen und Weibspersonen älter den 18 Lenze“ geeignet. Kein Wunder, übertrifft das Getränk aus vergorenem Honigsaft mit seinem Alkoholgehalt von etwa 16 Prozent Wein und Bier bei weitem.

Doch im Mittelalter war man eben nicht zimperlich. Und die wahren Mittelalter-Fans, die aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet angereist kommen, sind es sowieso nicht. Dank wunderschönen Wochenendwetters übertrifft ihre Zahl wohl die 10 000-Besucher-Höchstmarke der vergangenen Jahre.

Wohl also dem Glücklichen, der nicht mit dem Auto kommen musste. Schon am Samstagnachmittag war es Glück, einen Abstellplatz für das Blechross zu finden. Angélique Reichert braucht keinen. Die 25-jährige Offenbacherin ist treue Anhängerin der Mittelalterszene und kennt daher viele Märkte. In Rumpenheim ist sie nun das vierte Jahr in Folge und möchte es nicht mehr missen: „Es ist überschaubar und idyllisch. Man kennt mittlerweile die Gesichter, kann mit Gleichgesinnten zusammen sein. Und das Schönste ist, es ist in der Nähe!“ Sie und ihre Freunde sind selbstverständlich alle „gewandet“, das heißt mittelalterlich gekleidet. Ihr einziger Kritikpunkt: „Es müssten noch mehr Gewandete hier sein!“

„Gewandete“ und „Normalos“

Die Menge der „Gewandeten“ und „Normalgekleideten“ hält sich etwa die Waage. Manch ein „Normalo“ betrachtet mit Erstaunen (und Mitleid?) den ein oder anderen schwarzen Ritter, der bei 29 Grad in seiner schweren Rüstung schwitzt.

Besser haben es da schon die Damen, die es mit mittelalterlicher Züchtigkeit nicht ganz so genau nehmen und den Bauchnabel blitzen lassen oder mit ihrem Rücken entzücken.

Dudelsack, Davul-Trommel und Schellenband erklingen, es wird geklatscht und getanzt. Gaukler jonglieren, zaubern oder erzählen das neueste „Geschwätz“. Kinder wie Erwachsene erfreuen sich an Feuerschluckern oder am Mäuseroulette. Man lässt sich die vielen Leckereien schmecken, ob deftiges Fleisch, ofenfrischen Flammkuchen oder Bärlauch- und Knoblauchbrot von Maximilian, dem „Förderer der weißen Knolle“. Verhungern und verdursten braucht hier niemand. Allerdings muss man auch bereit sein, etwas tiefer in das Säckchen mit den Talern zu greifen. Die Preise sind auf gehobenem Niveau. Dafür, so das Versprechen an einem Stand mit Bier, werde selbiges auch „von Engelshand gebraut“.

Impressionen vom Mittelaltermarkt

11. Mittelaltermarkt im Rumpenheimer Schlosspark

Die fast 100 verschiedenen Stände, von der Kräuterhexe über den Tuchmacher bis zum Kalligraphen, sorgen für viel Abwechslung und Eindrücke fernab vom Alltag. Die Gruppe „Nimbulus“ erfreut mit ihren Geschichten, „ensemble stante pede“ mit mittelalterlichen Tänzen und „Schabernax“ mit Musik und Gesang. In den Zelten der Schmiede, Kerzenzieher und Knopfmacher kann man sich ein Bild davon machen, wie arbeitsreich das Alltagsleben im Mittelalter gewesen ist. Und dennoch, die Fantasy-Welt, die man an diesem Wochenende erleben kann, ist fast schon zu schön, um irgendwann wahr gewesen zu sein. Nur ungern entfernt sich so mancher aus diesem bunten Gelage wieder in die Realität des 21. Jahrhunderts.

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