Spanier berichtet von Übergriff

Beleidigungen und Schläge: Rassismus unter Nachbarn

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Bild einer Demonstration gegen Rassismus

Offenbach - Nach den fremdenfeindlichen Attacken in Frankfurt, im Main-Kinzig-Kreis und den Vorfällen in Chemnitz schildert auch ein 38-jähriger Spanier aus Offenbach, wie seine Freundin und er rassistisch beleidigt und attackiert wurden. Die Polizei stuft den Vorfall als Nachbarschaftsstreit ein. Von Niels Britsch

Fernando G. (Name von der Redaktion geändert) erzählt, wie er und seine Freundin dominikanischer Herkunft im Juli von Nachbarn unter anderem als "Dreckskanaken" beschimpft und auf ihrem Grundstück angegriffen worden seien. "Ich bin verwirrt, dass mir sowas gerade in meiner Heimatstadt Offenbach passiert", sagt er und beendet seine Schilderung mit einem Appell: "Wehrt euch immer und überall gegen Rassismus!"

Die Polizei bestätigt die handgreifliche Auseinandersetzung, stuft die Prügelei bisher allerdings nur als Nachbarschaftsstreit ein. "Ein Beteiligter soll zu schnell gefahren sein, woraufhin es zu einem Wortgefecht kam, das letztendlich eskalierte", fasst ein Polizeisprecher das bisher ermittelte Geschehen zusammen. Im Protokoll zu dem Einsatz stehe zwar, dass der Ausdruck "Kanake" gefallen sei, allerdings gebe es zu dem Geschehen widersprüchliche Aussagen. "Die Beteiligten haben sich gegenseitig wegen Körperverletzung angezeigt." Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, einige Zeugen müssten noch befragt werden.

Ob eine solche "wechselseitige Auseinandersetzung" wegen fremdenfeindlicher Motive eskalierte, sei für die Polizei schwer zu bewerten, so der Sprecher. "Deswegen ist es in solchen Fällen immer wichtig, dass sich Zeugen melden." Beim Tatbestand der Volksverhetzung müsse der öffentliche Frieden gestört werden, ob das bei den protokollierten Beleidigungen der Fall sei, entscheide der Staatsanwalt.

Für Fernando G. ist aufgrund der Beleidigungen und der Gewaltbereitschaft allerdings unstrittig, dass es sich um einen rassistischen Angriff seiner Nachbarn handelte. Er habe sich zeitweise gegen Prügelattacken von zwei Personen wehren müssen, erzählt er. Als ihm seine Freundin zur Hilfe eilte, soll diese in den Schwitzkasten genommen worden sein. Während des Vorfalls sei sie mehrfach als "schwarze Hure" beleidigt worden. Er versteht nicht, dass die Attacke von der Polizei bisher nicht als fremdenfeindlich eingestuft wird, und bittet mögliche Zeugen, "auszusagen und nicht zu schweigen".

Seine Freundin sei seit dem Vorfall in psychologischer Betreuung, erzählt der 38-jährige Offenbacher. Sie habe Angst vor Angriffen, wenn sie alleine auf der Straße unterwegs sei.

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Unserer Redaktion liegt ein Video vor, in dem Fernando G. eine Kontrahentin im Beisein der Polizei mit dem Vorwurf konfrontiert, Beleidigungen wie "Dreckskanake" benutzt zu haben. Die Frau bestreitet das nicht, erwidert jedoch, das Wort Kanake würde übersetzt nichts weiter als "Mensch" bedeuten.

Mittlerweile hat das Paar sich an Response gewendet, ein Angebot der Bildungsstätte Anne Frank, wo Opfer und Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt unterstützt und beraten werden. "Wir erleben immer wieder, dass es bei rassistischen Übergriffen eine Bagatellisierung gibt – das geschieht im direkten persönlichen Umfeld, aber leider immer wieder auch von Seiten der Polizei und der Behörden", sagt Response-Mitarbeiterin Angelica Reyes Reyes. Am Beispiel NSU-Komplex sehe man, wie Behörden rassistische Motive verkennen. "Betroffene berichten, dass rassistische Tatmotive in Ermittlungen nicht berücksichtigt werden und dass Beamte diesbezüglich nicht ausreichend sensibilisiert worden sind."

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Vorfälle dieser Art seien auch in Offenbach kein Einzelfall, ist ihr Eindruck: "Wir hatten auch Kontakt mit anderen Betroffenen", erzählt sie. "Solche Übergriffe werden mehr, vielleicht trauen sich die Opfer auch häufiger, rassistische Angriffe anzuzeigen." Es sei ein gesellschaftliches Problem, dass viele rassistische Taten nicht ernst genommen werden würden: "Viele können sich das nicht vorstellen, weil sie selber nicht betroffen sind." Sie rät: "Opfer von Rassismus sollen sich Unterstützung suchen, damit sie mit der Problematik nicht alleine sind."

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