Berater nehmen auch Angst

Offenbach ‐  Schulden sind ein Hemmnis bei der Suche nach einem neuen Job. Vor allem dann, wenn die Schulden so hoch sind, dass Pfändungen drohen. Das ist eine tägliche Erfahrung der Vermittler bei der Mainarbeit, die rund 12.000 Bezieher von „Hartz 4“ betreut. Von Martin Kuhn

Ein Gespräch mit einem Schuldnerberater wurde 992 Männern und Frauen nahe gelegt – nur zwei Drittel erschienen zum Gesprächstermin. Bei 179 endete das mit der Eröffnung der Privatinsolvenz. In 14 Fällen erzielte man eine außergerichtliche Einigung, in 2 Fällen meldeten sich keine Gläubiger.

Nicht allein für Dr. Matthias Schulze-Böing, Geschäftsführer der Mainarbeit, sind die Zahlen alarmierend. Daher drängt er zur Eile: „Die Betroffenen brauchen eine schnelle, kompetente Hilfe. Bis zur ersten Beratung dürfen maximal drei Tage vergehen.“ Daher setz die Mainarbeit seit Anfang an auf „eigene Leute“. Damit möchte Dr. Schulze-Böing keinesfalls etwa die Arbeit der Diakonie herabsetzen: „Aber die haben einfach zu lange Wartezeiten.“ Sprich: Ebenfalls zu viele Menschen, die auf professionelle Hilfe bei der Schuldentilgung angewiesen sind.

In einem Punkt stimmen die Experten überein: Es gibt keinen klassischen Weg in die Schuldenfalle. Jeder Fall, jedes Schicksal ist sehr individuell. „Aber viele unterliegen den Verlockungen der Konsumgesellschaft. Der Weg in die Schulden wird leicht gemacht“, sagt der Geschäftsführer. Also doch das Handy als Einstieg in die negative Finanzspirale? „Nein, nicht allein. Das spielt eigentlich nur bei Jugendlichen eine entscheidende Rolle.“

Mehrzahl der Rat- und Hilfesuchenden waren Männer

Das Ziel, wie es auch private Fernsehformate vorgeben: Eine möglichst schnelle Regulierung der Schulden. „Damit Vorbehalte auf Seiten potentieller Arbeitgeber ausgeräumt werden und der Wiedereinstieg in das Berufsleben klappt“, so Dr. Schulze-Böing – klar, das entlastet die öffentlichen Budgets.

Das Recht bietet daher die Möglichkeit der Privatinsolvenz. Der Schuldner verpflichtet sich, die Schulden in einer „Wohlverhaltensphase sechs Jahre lang im Rahmen seiner Möglichkeiten zurückzuführen“ und keine neuen Schulden zu machen. Danach kann er von der verbleibenden Restschuld befreit werden.

Entgegen manchem Vorurteil in der Öffentlichkeit ist die Privatinsolvenz also keineswegs ein endgültiger Bankrott, sondern vielmehr „der erste Schritt in eine bessere und wirtschaftlich solidere Zukunft“, betont Claus Triebiger vom Verein „SOS Alltag“ und mit der Schuldnerberatung bei der Mainarbeit beauftragt.

Die Mehrzahl der Rat- und Hilfesuchenden dort waren im vergangenen Jahr Männer (58 Prozent); etwa die Hälfte hatte einen Migrationshintergrund, wie es in offiziellen Mitteilungen korrekt heißt. Der oft beschworene Weg zur Ich-AG ist offenbar nicht immer der richtige: Annähernd 12 Prozent waren vor ihrer Arbeitslosigkeit selbstständig und hatten Schulden aus ihrem Geschäftsbetrieb.

„Viele Hilfebezieher brauchen flankierende Unterstützung. Es geht dann nicht nur um ein Stellenangebot, sondern um die Lösung von Problemen im persönlichen und sozialen Bereich, die der Integration in Erwerbsarbeit entgegenstehen“, resümiert der Mainarbeit-Chef.

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