Von Berlin nach Offenbach expandiert

Mit Rücksicht auf Rituale

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Geschäftsführerin Safiye-Serpil Ergün und ihre Kolleginnen Ina Liesau sowie Ziynet Ergün vor der Offenbacher Dosteli-Filiale. Seit zwei Monaten bietet der türkische Pflegedienst Krankenpflege für Landsleute als Haupt-Zielgruppe an

Offenbach - Der grüne Schriftzug zieht sich über die halbkreisförmige Gebäudefront. „Dosteli“ steht mit großen Lettern darauf, geziert von einem islamischen Halbmond. Von Veronika Schade 

Der neue Mieter im Erdgeschoss des ehemaligen Bismarckhofs an der Ecke Waldstraße/Bismarckstraße fällt ins Auge. Seit November vergangenen Jahres hat der Berliner Pflegedienst Dosteli eine Filiale in Offenbach. Spezialgebiet: kulturspezifische Pflege. „Dosteli bedeutet vertraute Hand“, erklärt Geschäftsführerin Safiye-Serpil Ergün. Vertrauen ist für sie ausschlaggebend in der Pflege. Und das fällt am leichtesten, wenn der Pfleger genau um die Bedürfnisse seines Patienten weiß – nicht nur die medizinischen, auch die kulturellen und die religiösen. Auf dieser Grundlage arbeitet Dosteli.

Seit zwölf Jahren ist Ergün im Beruf. Sie begann als Pflegehilfskraft bei der Caritas in Berlin, es folgte ein privater Kurzzeitpflegedienst. Im Berufsalltag im Bezirk Moabit, in dem sehr viele Ausländer leben, fiel ihr schnell auf, dass die Kollegen die speziellen Bedürfnisse von islamischen Patienten weder kennen noch berücksichtigen – angefangen vom fehlenden Ausziehen der Schuhe beim Betreten der Wohnung bis zum Ignorieren von Essgewohnheiten oder festen Gebetsritualen. „Diese kulturbedingten Dinge sind für die Menschen sehr wichtig, damit sie sich wohl und respektiert fühlen“, weiß Ergün.

Nach zwei Jahren ein größeres Büro

Ein großes Problem ist die Sprache: „Viele Einwanderer der ersten Generation sprechen kaum Deutsch. Es hilft ihnen sehr, wenn jemand sie betreut, mit dem sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten können.“ Als sie dem Eigentümer des Pflegedienstes, in dem sie damals arbeitete, von ihren Beobachtungen berichtete, beschlossen sie, gemeinsam einen Pflegedienst speziell für diese Menschen zu gründen. Im Dezember 2008 setzten sie den Plan in die Tat um. Ergün und Jan Basche teilen sich die Geschäftsführung, Dosteli ist in Berlin sehr erfolgreich. „Nach zwei Jahren sind wir in ein größeres Büro gezogen.“

Vor anderthalb Jahren berichteten ihr Freunde aus Offenbach, dass es trotz hohen Ausländeranteils in der Stadt keinen vergleichbaren Pflegedienst gebe. „Es war ein reizvoller Gedanke, eine zweite Filiale zu eröffnen, und mein Partner traut sich was, er ist Visionär“, schmunzelt die Berlinerin. Sie erledigten die Zulassungsformalitäten, suchten Büros, bezogen sie im November 2013. Zwei Krankenschwestern, eine Büroleiterin und zwei Hilfskräfte arbeiten da, Ergün ist an zwei Tagen pro Woche dort. „Bisher ist es von der Patientenzahl her langsam angelaufen“, berichtet sie. Sie hat sie bereits einige Hausärzte besucht, um Main Dosteli, wie die Offenbacher Filiale heißt, bekannt zu machen. In den nächsten Wochen will sie die Akquise intensivieren: „Der Bedarf ist in Offenbach da, das haben Ärzte bestätigt. Die Reaktionen waren positiv.“

Es sei ein weit verbreitetes Vorurteil der Deutschen, dass sich in türkischen Familien die Kinder um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmerten und daher gar keinen Pflegedienst bräuchten. „Auf einige mag das noch zutreffen, aber meist ist es heute so, dass sie Kinder sich nicht kümmern können. Die sind berufstätig, haben dafür keine Zeit“, weiß Ergün. Sie kenne türkische Familien, in denen Eltern und Kinder sich schon ein Jahr nicht gesehen hätten. „Pflege ist sehr anstrengend, wenn man einen Kranken zu Hause hat, muss man sich 24 Stunden um ihn kümmern“, betont die 44-Jährige. „Wir haben viele Patienten, die allein leben.“ Begeistert ist sie vom neuen Modell, in dem ältere Menschen in Wohngemeinschaften leben.

Weil die meisten Patienten Türken sind, ist die türkische Sprache Voraussetzung für Mitarbeiter bei Dosteli. Kulturspezifisches Wissen bringt Ergün ihren Mitarbeitern bei. „Wir haben in Berlin sechs deutsche Patienten“, berichtet sie und schmunzelt: „ Türkische Angehörige werden schnell sehr persönlich, nehmen uns sozusagen in die Familie auf. Mit Deutschen ist es einfacher, die Beziehung ist professioneller.“ So hofft sie, in Offenbach möglichst vielen Nationen die „vertraute Hand“ reichen zu können.

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