Betriebspraktika finden wegen Corona nicht wie gewohnt statt

Berufsorientierung im Lockdown

„Berufsorientierung: Berufe mit Menschen“ lautet der Titel, den Rudolf-Koch-Schülerin Vanessa ihrem Werk gegeben hat und damit auf Kontaktbeschränkungen und Distanzunterricht eingeht.
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„Berufsorientierung: Berufe mit Menschen“ lautet der Titel, den Rudolf-Koch-Schülerin Vanessa ihrem Werk gegeben hat und damit auf Kontaktbeschränkungen und Distanzunterricht eingeht.

Homeoffice und Kurzarbeit, eingeschränkte Öffnungszeiten oder komplette Schließungen – nur wenige Unternehmen blieben in den vergangenen Monaten von den Auswirkungen der Corona-Krise verschont. Die meisten Betriebe mussten sich auf einen Arbeitsalltag unter völlig veränderten Bedingungen einstellen. An die Betreuung von Schülerpraktikanten war da für die meisten nicht zu denken.

Offenbach - Schon im vergangenen Jahr entschied das hessische Kultusministerium darum, dass die vorgeschriebenen Schulpraktika zeitweise ausgesetzt werden können. „Wer aber einen Praktikumsplatz hatte, konnte den auch wahrnehmen, wenn die entsprechenden Hygienemaßnahmen eingehalten werden konnten“, sagt Volker Käpernick, schulfachlicher Dezernent beim Staatlichen Schulamt und unter anderem zuständig für Berufsbildung. Mittlerweile ist die Regelung wieder aufgehoben, doch auch im laufenden Schuljahr blieben zunächst viele Betriebspraktika auf der Strecke.

Im Januar kam die Nachricht über weitere Aussetzen. An der Rudolf-Koch-Schule standen die Praktika von 215 Neunt- und Zwölftklässler zu dem Zeitpunkt kurz bevor. Ende Januar, Anfang Februar ist an dem Gymnasium für sie jeweils ein zweiwöchiger Einblick in die Arbeitswelt vorgesehen. „Die Enttäuschung bei unseren Schülern hielt sich in Grenzen, die meisten hatten sowieso schon damit gerechnet, dass nicht alles wie gewohnt stattfinden kann“, erzählt Bertan Tufan. Er unterrichtet Geschichte und Politik an der Rudolf-Koch-Schule, vor allem im neunten Schuljahr.

„Die meisten Schüler hatten ohnehin bis zu diesem Zeitpunkt noch gar keinen Platz finden können“, sagt Bertan Tufan. Die, denen es dennoch gelungen war, durften das Praktikum dann natürlich auch antreten. „Die kann ich aber an einer Hand abzählen“, sagt Tufan.

Auch wenn so für die meisten Schülerinnen und Schüler der direkte Einblick in die Arbeitswelt vorerst ausfiel: „Berufsorientierung sollte dennoch ermöglicht werden“, sagt Käpernick. Dafür wurden im Laufe der vergangenen Monate zahlreiche Ideen. IHK und HWK riefen eine digitale Ausbildungsbörse ins Leben, ebenfalls digital fand ein Hochschulinformationstag von Goethe-Universität und TU Darmstadt statt und auch die digitale Bildungsmesse Rodgau wurde von gut 2000 Jugendlichen aus Stadt und Kreis Offenbach genutzt, um sich schlau zu machen über Ausbildungsmöglichkeiten, zählt Käpernick auf. Auch die Agentur für Arbeit bietet mittlerweile Online-Beratungen an und Unternehmen laden zu digitalen Betriebsführungen ein. Vielen davon soll auch nach der Pandemie bleiben.

Käpernick weist speziell auf ein Projekt der Stadt Offenbach hin, das landesweit großes Interesse geerntet habe. Entwickelt wurde ein sogenanntes Matching Tool, bei dem junge Leute auf der Suche nach Ausbildungsplätzen ein Profil anlegen, ihre Wünsche und Interessen hinterlegen. Betriebe wiederum geben an, wo Bedarf besteht, und haben über das Programm gleichzeitig die Gelegenheit dazu, mit passenden Anwärtern in Kontakt zu treten.

Betriebspraktika an hessischen Schulen

Für Hauptschüler finden sie im Jahr vor dem Abschluss sowie im ersten Halbjahr der Abgangsklasse statt, jeweils zwei- bis dreiwöchig oder als betriebliche Lerntage. Im mittleren Bildungsgang sind in den beiden Jahrgangsstufen vorm Abschluss je ein zweiwöchiges Praktikum angesetzt. An Gymnasien wird in der Regel in der Sekundarstufe I und in der Einführungsphase der Sekundarstufe II ein zweiwöchiges Betriebspraktikum durchgeführt. Gesamtschulen führen in Klasse acht und der Klasse neun jeweils ein zweiwöchiges Praktikum durch. 

„Außerdem waren die Schulen aufgefordert, Alternativen anzubieten“, sagt Volker Käpernick. Bertan Tufan und seine Kolleginnen und Kollegen in der Rudolf-Koch-Schule organisierten für die neunten und zwölften Klassen, die von den ausgefallen Praktika betroffen waren, stattdessen eine Projektwoche. „Klar, wir könnten das Betriebspraktikum nicht ersetzen“, sagt Tufan. Dennoch habe das – ebenfalls vor allem digital stattfindende – Alternativprogramm den Schülerinnen und Schülern viele Möglichkeiten eröffnet. In Expertengesprächen hörten so etwa die Neuntklässler, wie der Alltag in einzelnen Berufsfelder aussieht, die Zwölftklässler hatten in einem Speed-Dating-Format die Gelegenheit, verschiedene Studiengänge kennenzulernen. Und dann gab es auch noch eine kreative Aufgabe. Unter dem Motto „Ausgesetzt – Berufsorientierung im Praktikumslockdown“ setzten die Schülerinnen und Schüler Fotoideen um, die ihre eigene Situation thematisierten: verschlossene Türen, abgesagte Termine, die Suche nach dem richtigen Weg in einer Zeit, in der den Jugendlichen die Orientierung für ihre berufliche Zukunft fehlt.

Nachgeholt werden können die ausgesetzten Betriebspraktika nicht. „Da die jeweiligen Zeiträume auf die Schuljahre festgelegt sind, ist ein Verschieben nicht möglich“, sagt Käpernick. „Natürlich ist es aber so, dass Schüler, die ein freiwilliges Praktikum machen wollen, dafür auch von den Schulen freigestellt werden können.“

Von Lena Jochum

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