Beschneidung

„Eingriff muss erlaubt sein“

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Frühes Thema für die Kunst: Die Beschneidung Christi war ein häufiges Motiv der Malerei.

Offenbach - Ein kleines Stück Haut, das Politiker, Kinderschutzorganisationen und Vertreter von Islam und Judentum derzeit umtreibt, wird auch Tarek und Katrin Al Malek demnächst beschäftigen. Von Fabian El Cheikh

Das Ehepaar, das in Oberrad lebt, aber auch in Offenbach familiär verwurzelt ist und seinen richtigen Familiennamen nicht in der Zeitung lesen will, bekommt in gut drei Monaten den lang ersehnten Nachwuchs. Ein Sohn wird’s, so Gott will, ein junger Mann, der in zwei sehr unterschiedlichen Kulturen – der christlichen und der islamischen – aufwachsen wird. Aus islamischer Sicht wird er als Sohn eines Muslimen ebenfalls Muslim sein. Seine Mutter, Katrin Al Malek, betont jedoch: „Wir werden ihn nicht religiös erziehen, das heißt, er soll alle islamischen und christlichen Feste und Bräuche kennenlernen, sich dann aber irgendwann selbst für eine der beiden oder eben für keine Religion entscheiden. “.

Abdelkader Rafoud (Ausländerbeirat): „Selbst Muslime, die ihre Religion nicht so genau nehmen, bestehen auf die Beschneidung.“

Die Frage, ob der kleine Mann beschnitten wird oder nicht, hat das Ehepaar für sich bereits entschieden: „Ja, auf jeden Fall wird er beschnitten“, sagt seine Mutter. Ein Zugeständnis der 34-Jährigen an ihren Mann. Der aus Ägypten stammende Vater lebt zwar nicht besonders fromm. Den gerade begonnenen Ramadan befolgt er hierzulande nicht, auch geht er nicht in die Moschee. Gläubig ist er dennoch und so stellt er weder religiöse Speisevorschriften noch die Beschneidung als gesellschaftlich-religiösen Akt in Frage. „Ich fühle mich als Muslim verpflichtet, mein Kind reinzuhalten. Das heißt, es wird kein Schweinefleisch essen und es wird beschnitten.“

Je früher, desto weniger schmerzhaft

Je früher der Akt vollzogen werde, desto geringer seien dabei die Schmerzen, ist der 40-Jährige aus eigener Erfahrung überzeugt. „So oder so wird dem Kind durch die Beschneidung kein Weg verbaut, es kann sich, wenn es will, immer noch fürs Christentum entscheiden“, betont Katrin Al Malek. „Wir müssen in einer konfessionellen Mischehe eben Kompromisse eingehen.“ Dazu gehöre die rituelle Beschneidung. Ein Akt, den auch Vertreter der muslimischen und der jüdischen Gemeinde in Offenbach nicht in Zweifel ziehen.

Abdelkader Rafoud, Vorsitzender des Ausländerbeirats, versucht aufzuklären: „Die Beschneidung hat einen religiösen und einen traditionellen Hintergrund. Selbst für Muslime, die es beim Alkohol und beim Schweinefleisch nicht so genau nehmen, stellt die Beschneidung von Jungen eine unumstößliche rituelle, ja tugendhafte Handlung dar.“ Eine Handlung, die den Mann in den Islam einführe und ihren krönenden Abschluss findet bei einem großen Fest mit der ganzen Familie und mit Freunden.

Mark Dainow (Jüdische Gemeinde): „Ein Verbot der Beschneidung am achten Tag nach der Geburt ist nicht verhandelbar.“

Seit dem Urteil des Kölner Landgerichts, das den Vorgang als Körperverletzung interpretierte, herrsche in den muslimischen Gemeinden Offenbachs jedoch sehr große Aufregung, berichtet Rafoud. „Viele Muslime verstehen die Diskussion nicht und sind schockiert.“ Rafoud wiederum, der selbst ehrenamtlicher Richter ist, respektiert das Urteil. „Ich maße mir nicht an, es in Frage zu stellen. Selbstverständlich akzeptiere ich den Rechtsstaat und fordere daher auch eine klare Rechtsstellung seitens der Bundesregierung.“

Konstruktiver Bestandteil einer Religion

Auch für Mark Dainow, den stellvertretenden Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Offenbach, ist die Beschneidung am achten Tag nach der Geburt „nicht verhandelbar“. Er betont deren Stellenwert als konstruktiven Bestandteil einer Religion, die mehr als alle anderen von rituellen Vorschriften geprägt ist: „Es gibt einen Konsens aller Richtungen im Judentum: Vom ultraorthodoxen rechten Rand bis zu den liberalen Reformern am linken Rand wird die Beschneidung als Beitritt zum Bund, als Symbolfaktor der Vollkommenheit akzeptiert.“

Noch deutlicher werde der Stellenwert der Beschneidung im Vergleich zu anderen religiösen Geboten wie dem Arbeitsverbot am Shabbat oder am höchsten jüdischen Feiertag, dem Yom Kippur: „Selbst an diesen Tagen darf die Beschneidung vorgenommen werden“, so Dainow. Anders als beim Islam müsse den chirurgischen Eingriff unbedingt ein Jude ausüben. Dainow, der das jüdische Leben in Deutschland durch ein Verbot in Gefahr sähe, fordert schon deshalb eine Rechtsklarstellung, um das verfassungsmäßige Gebot der freien Religionsausübung auch bei diesem Ritual zu gewährleisten: „Es geht ja nicht nur um die Religionsfreiheit, sondern auch darum, dass man eine gewisse Toleranz erwarten muss.“ Der Staat sei verpflichtet, die Freiheit „jeglichen kulturellen Handelns“ auch dann zu sichern, wenn er dadurch das moralische Empfinden „eines Teils der Bevölkerung“ vernachlässige.

Kinderarzt und Anästhesist Dr. Martin Eckrich: „Ein ritueller Eingriff muss unter ärztlicher Aufsicht weiterhin erlaubt sein.“

Dass eine Lösung gefunden werden muss, finden auch Offenbacher Mediziner. Um sich rechtlich nicht verletzbar zu machen, führen Ärzte im Städtischen Klinikum inzwischen keine rituellen Beschneidungen mehr durch. „Nur noch medizinisch notwendige, etwa bei Vorhautverengungen“, heißt es. Auch in der chirurgischen Ambulanz des Ketteler-Krankenhauses sind die wenigen rituellen Eingriffe pro Jahr vorerst auf Eis gelegt worden. Verwaltungsdirektor Hartmut Gediga erinnert sich allerdings, dass noch bis vor zehn Jahren auch religiöse Beschneidungen von Jungen in der Gynäkologie des katholischen Krankenhauses zur Praxis gehörten.

Juristisch gesehen eine Körperverletzung

Ein Gesetz, das Ärzten den Eingriff auch aus nicht-medizinischen Gründen weiterhin erlaubt, erhofft sich der Kinderarzt Dr. Martin Eckrich, der in Rumpenheim eine Gemeinschaftspraxis mit dem Sprecher der Kinderärzte in Offenbach, Dr. Matthias Gründler, betreibt. „Natürlich ist der Eingriff juristisch gesehen eine Körperverletzung.“ Das sei aber auch das Kahlscheren eines behaarten Patienten oder das Stechen von Ohrringen bei kleinen Kindern. Trotz seines medizinischen Hintergrunds findet Eckrich, dass eine Jahrtausend alte Tradition geachtet werden muss: „Wir können einer Weltreligion nicht sagen: ,Das dürft ihr nicht machen’.“ Als Christ könne er die Notwendigkeit der Beschneidung zwar nicht nachvollziehen. „Aber ich kann mich in Menschen einfühlen, die mir sagen, dass das gemacht werden muss.“

Dass ein deutsches Gesetz letztlich die Beschneidung von Jungen wird verhindern können, glauben Mark Dainow und Abdelkader Rafoud nicht. Vielmehr warnen sie vor einem „Beschneidungstourismus“, da Gläubige dann gezwungen wären, das Ritual in Nachbar- oder Ursprungsländern vollziehen zu lassen. „Dann bestünde die Gefahr, dass Nicht-Fachmänner diesen Eingriff unter schlechten hygienischen Bedingungen und ohne ärztliche Obhut vornehmen“, unterstreicht Rafoud.

Daher müsse der Eingriff aus seiner Sicht unter ärztlicher Aufsicht explizit erlaubt bleiben. „Ich appelliere schon immer an alle muslimische Eltern, sich nur an Fachärzte und nicht an irgendwelche religiöse Autoritäten zu wenden. Das ist ganz wichtig für die Gesundheit des Kindes und sollte so auch gesetzlich geregelt sein.“ Bislang kennt Rafoud niemanden, der – wie so oft behauptet – in einer sogenannten Hinterhofmoschee beschnitten wurde.

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