Besser riechen, besser essen

Offenbach - Deutschlands Kinder werden immer dicker. Der Offenbacher Koch Claus Fischer und der Frankfurter Genusstrainer Hajo Köhn wollen etwas dagegen tun. Von Katharina Hempel

Viele Projekte versuchen zwar schon, den Nachwuchs runter vom Sofa und ein ausgewogenes Pausenbrot in seine Schultaschen zu bringen. „Aber alle Präventionsmaßnahmen setzen viel zu spät an“, glaubt Köhn. Darum haben er und Geschäftspartner Fischer vor, schon den Kleinen im Kindergarten bewusste Ernährung und gesunden Essen schmackhaft zu machen. Wichtigste Voraussetzung: Richtig schmecken und riechen können.

„Guter Geschmack“ heißt ihr Konzept. Eine bundesweit einmalige Kombination aus Kochschule und Sinnesgarten, wie sie sagen. „Im Garten lernen die Kinder, wie Thymian aussieht und riecht, in der Küche wie er schmeckt“, erklärt der Koch. Ein großer, heller Raum in einer ehemaligen Gerberei in Bürgel ist ihre Denkzentrale. Nebenan: der Sterne-Kochclub. Zwischen Teddybären und Flipchart, Gourmetratgebern und Diagrammpostern stellen Fischer und Köhn voller Begeisterung vor, was „Guter Geschmack“ für sie bedeutet.

„Kindern wird durch die Industrie eine Geschmacksrichtung vorgegeben. Bei uns sollen sie lernen, wieder Unterschiede zu schmecken und zu riechen.“ Kein Schnellimbiss oder Fertiggericht kommt ohne Geschmacksverstärker aus. Auch die Ernährung zuhause sei häufig einseitig. Aber nur Kinder, die wissen, wie sie ihren dritten und vierten Sinn einsetzen müssen, können danach kochen und essen, sich bewusst ernähren, gesünder leben. Diese Theorie stützen die Projektentwickler nicht nur auf wissenschaftliche Untersuchungen, sondern auch mit eigener Erfahrung.

Genusstrainer mit Schoko-Seminaren

Hajo Köhn arbeitete lange als Gastronomieberater, unter anderem für Mövenpick. An der Jugendaktion „Gut drauf: Bewegen, entspannen, essen - aber wie!“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung war der 59-Jährige ebenfalls beteiligt, bevor er sich als Genusstrainer selbstständig machte, um Wein-, Schokoladen- oder Nichtraucherseminare anzubieten.

Der Bürgeler Claus Fischer gibt Kochschulungen, besucht aber auch den evangelischen Kindergarten in seinem Stadtteil. Um ihr Interesse für richtige und abwechslungsreiche Ernährung zu wecken, sammelt und verarbeitet der 56-Jährige mit den Kindern Kräuter oder backt mit ihnen Brot. So kommen bisher nur wenige in den Genuss dessen, was Fischer und Köhn künftig allen Offenbacher Kindern anbieten möchten.

Doch bis sie diesen beibringen können, was „Guter Geschmack“ ist, haben die Feinschmecker noch einiges zu tun. Haus und Garten suchen, zum Beispiel. „Wir wünschen uns von der Stadt Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten. Ansonsten muss Offenbach keinen Pfennig zahlen. Sponsoren und Investoren haben wir schon, die warten nur auf den Startschuss.“

„Die ganze Bundesrepublik würde nach Offenbach schauen"

Ein Areal wie das Allessa-Gelände wäre ihr Favorit. Hier könnten sie ihr Projekt von A bis Z realisieren: Draußen den Riechgarten anlegen, die Sinnesoase schaffen und natürlich auch Platz zum Toben haben. In den Verwaltungsräumen der ehemaligen Chemiefabrik würde „Guter Geschmack“ seine Kinderküche aufbauen. Genug Platz, um Seminarräume und ein Café einzurichten, wäre auch. „Das ist ein Rundum-Konzept“, sagt Fischer. „Kinder und deren Eltern, junge Leute und Senioren könnten hier zusammenkommen, Offenbacher und Touristen.“ Köhn: „Die ganze Bundesrepublik würde nach Offenbach schauen. Riechen, Kochen und Bewegung werden bisher nirgendwo so einheitlich und rund umgesetzt. Wir könnten hier Kongresse veranstalten, Forschungstagungen“, kommt der Genusstrainer ins Schwärmen.

Wirtschaftsförderer Jürgen Amberger gefällt die Idee, er fordert jedoch noch konkreteren Praxisbezug und einen Schritt-für-Schritt-Plan: „Wir finden das Projekt nach wie vor interessant, aber Köhn und Fischer müssen an irgendeiner Stelle ansetzen und anfangen. Das Wichtige ist, nicht zu erzählen, wer beteiligt ist, sondern die Interessenten nach Offenbach zu holen, um dann gemeinsam zu diskutieren, wie das Projekt angeschoben werden kann.“

Vielleicht ist der erste Schritt in diese Richtung bereits getan. Der Wirtschaftsförderer hat eine Liste mit Gebäuden und Arealen, die für das Projekt in Frage kommen könnten, für Claus Fischer und Hajo Köhn zusammengestellt. Die müssen die beiden jetzt durcharbeiten und sich danach mit Eigentümer und Stadt wieder an den Planungstisch setzen.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Joachim Berga

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