Besser als nur Standard

Händler ergreifen die Initiative

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So voll wie am vergangenen verkaufsoffenen Sonntag wünschen sich die im Karree Offenbach zusammengeschlossenen Einzelhändler die Fußgängerzone gerne öfter.

Offenbach - Immer mehr innerstädtische Gewerbetreibende setzen auf Eigeninitiative, um ihren Einkaufsstandort attraktiver zu gestalten und im Wettbewerb mit Einkaufszentren und dem Online-Handel bestehen zu können. Dieser weltweite Trend ist auch in Offenbach angekommen. Nicht ohne Grund. Von Fabian El Cheikh

New York hat den lange Zeit undenkbaren Schritt gewagt und das nicht gegen den Widerstand ortsansässiger Einzelhändler, sondern aufgrund ihrer Initiative: Sie haben sich dafür stark gemacht, den zentralen Platz Manhattans, den Times Square, zur Fußgängerzone umzuwandeln. Wo dem Verkehr früher acht Fahrspuren zur Verfügung standen, tummeln sich nun Fußgänger, Radfahrer und Skater und er- und beleben einen aufgewerteten Platz, der als solcher zuvor kaum zu erkennen war.

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Der eigentlich europäische und schon jahrzehntealte Trend zur autofreien Innenstadt hat somit auch die USA erfasst, umgekehrt hat eine damit eng zusammenhängende Entwicklung aus Nordamerika inzwischen weltweites Echo, auch in Deutschland, gefunden: Weil immer mehr Städte unter knappen finanziellen Mitteln leiden und Einkaufszentren die Kunden weglocken, gründen sich private Initiativen aus Einzelhändlern und Immobilienbesitzern, die gemeinsame Ziele vereinbaren, um die Attraktivität der Innenstädte zu steigern.

Mal eine Straße, mal ein ganzes Quartier

BIDs (Business Improvement Districts) nennen sich diese Stadtentwicklungsmodelle, die sich innerhalb eines gesetzlich umfassten Gebiets – mal nur eine Geschäftsstraße, mal ein ganzes Stadtquartier – befinden. Offenbachs BID ist seit 2011 das Karree, das im vergangenen Jahr vom deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zur besten bundesweiten Initiative dieser Art auserkoren wurde. Als Preisträger veranstaltet die Offenbacher IHK einen zweitägigen internationalen Kongress, der gestern begonnen hat und sich mit der Entwicklung der BIDs weltweit befasst. Den Preis für 2013 gewonnen hat eine Bremer Initiative.

Es sind vor allem die vielen kleinen Aktivitäten des Karrees, die Frank Achenbach, Geschäftsführer der IHK Offenbach, gestern noch einmal lobte: „Für relativ wenig Geld ist einiges bewegt worden“, sagte er mit Blick auf Bemühungen, etwa durch Pflanzkübel einen attraktiven Eingang ins Karree zu schaffen, in gemeinsamer Abstimmung Schmierereien von Hauswänden zu entfernen und mit einem Beleuchtungskonzept die besonderen, aber kaum wahrgenommenen Fassaden rund um die Frankfurter Straße in neues Licht zu rücken. Und, so Tine Fuchs, DIHK-Referatsleiterin für Stadtentwicklung: „Die Ausrichtung auf ein breites Publikum sowie die Markenbildung hatten uns überzeugt.“

Letztlich gehe es in Offenbach wie anderswo darum, Alleinstellungsmerkmale hervorzuheben. „Jede deutsche Stadt unterscheidet sich von ihrem Aussehen, ihrer Architektur, ihren Formen von Handel und Gastronomie. Und diese Profile sollen BIDs sichtbar machen.“ Um das zu erreichen, sei das wichtigste Ziel, nicht mehr nur die Gewerbetreibenden einzubinden, die sich meist ohnehin schon in Werbegemeinschaften zusammengeschlossen haben, sondern auch die Immobilienbesitzer zu gewinnen. „Sie sind es, die auch dann bleiben, wenn die Mieter wieder weg sind.“ Offenbach profitiere hierbei im Besonderen von seiner hohen Zahl an Händlern, die gleichzeitig Eigentümer sind.

Atmosphäre und Wertigkeit erhöhen

Helma Fischer, Vizepräsidenten der IHK Offenbach, verdeutlichte, dass das Karree mit seinen Aktionen nicht nur mehr Umsatz generieren wolle, sondern insgesamt die Atmosphäre und Wertigkeit in der Innenstadt erhöhen wolle. „Nur so können wir mit der Zeit einen Wandel in der Wahrnehmung der Menschen von Offenbach als Einkaufsstandort erreichen.“ Und nur mit den Eigentümern zusammen, die in der Vergangenheit zu oft außen vor geblieben seien, könne ein nachhaltiges und qualitativ hochwertiges Angebot für Kunden geschaffen werden.

Der Kritik, durch die BIDs werde öffentlicher Raum privatisiert, widersprechen alle Beteiligten. Das Gegenteil treffe zu: „BIDs gestalten und schaffen öffentliche Plätze, die bislang nicht von der Öffentlichkeit genutzt wurden.“ Das sei ein Mehr für alle. Achenbach: „Das Karree etwa ersetzt nicht die Aufgaben, die der Stadt Offenbach zukommen. Es geht vielmehr um das Zusätzliche, das ,Oben-Drauf’, dass sich eine klamme Stadtverwaltung wie unsere nicht leisten kann.“ Statt Standard eben Besseres. Oder: Norwegischer Granit statt schnöder Beton, wenn es etwa ums Pflaster in einer Fußgängerzone geht.

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Dass das Konzept weltweit ein Erfolgsmodell ist, steht für den DIHK außer Frage: In New York etwa seien die Einzelhandelsumsätze um 30 Prozent gewachsen, andernorts sei der Wert der BID-Immobilien um 20 Prozent gestiegen, die Zahl der Kunden sogar noch stärker. „Es lohnt sich für alle sehr.“

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