Trend geht zu Feuerbestattungen

Bestattungen: Teurer Sarg als Leihgabe?

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Modern oder zeitlos: Auch Särge und Urnen bieten für jeden Geschmack, jede Persönlichkeit das Passende. Bestatter Adrian Koriath hält eine Auswahl vor.

Offenbach - Als Anfang Juni die sterblichen Überreste der beim Germanwings-Absturz ums Leben gekommenen Schüler und Lehrer in ihren Heimatort Haltern überfuhrt wurden, war ein Bestatter aus Offenbach dabei. Seine Hilfe wurde angefragt, weil er einen von deutschlandweit nur wenigen weißen Bestattungswagen fährt, in denen die Schüler ihre letzte Reise antreten sollten. Von Jenny Bieniek

Das Beispiel zeigt: Auch Branchen, die von Tradition und einer gewissen Etikette geprägt sind, sind Trends unterworfen. Wer sich vor dem geistigen Auge am Ende seines Lebens in einen Sarg gebettet sieht, geht nicht mit dem Trend. Längst haben Feuerbestattungen der klassischen Beerdigung bundesweit den Rang abgelaufen. Auf „gute 85 Prozent“ schätzt etwa Thomas Schumann, Geschäftsführer der Offenbacher Pietät Spamer, deren Quote. „Sogar die Katholiken ziehen diese inzwischen vor. Die Religion tut da heute gar nichts mehr zur Sache“, so seine Erfahrung. Erdbestattungen dagegen seien stark zurückgegangen. „Mit einer Urne hat man mehr Möglichkeiten“, so Schumann, der die Pietät in vierter Generation führt.

Eine gewisse Flexibilität ist auch nötig, schließlich sind die auf Offenbacher Friedhöfen alle Urnenmauern belegt. Viele Klienten entscheiden sich daher für Baumbestattungen. „Man braucht keinen Grabstein, keine Umrandung. Dazu noch die Grabpflege - das kostet ja alles“, nennt Schumann einen Faktor, der offenbar an Bedeutung gewonnen hat. In jüngster Zeit erhält er vermehrt Anfragen nach Kostenvoranschlägen. „Das hat’s früher nicht gegeben“, sagt er und vermutet die Gründe hierfür im Wegfall des Sterbegelds, das die gesetzlichen Krankenversicherungen 2004 gestrichen haben. Weil die Feuerbestattung gefragt ist, ist der einfachste Sarg für 450 Euro der Verkaufsschlager. Ähnlich sieht es bei Bestatter Adrian Koriath von der Pietät am Odenwaldring aus. Das günstigste Sargmodell zu 490 Euro war zwischenzeitlich ausverkauft. Er beobachtet seit Kurzem, dass gegen den Trend auch das Interesse an Erdbestattungen wieder steige. In Koriaths Garage steht einer von deutschlandweit nur etwa 30 weißen Leichenwagen. „Weiß ist schöner als schwarz oder grau. Es ist die Farbe des Lichts“, findet er. Als die Anfrage kam, ob er bei der Überführung der Absturzopfer von Düsseldorf nach Haltern helfen könne, sagte er sofort zu. „Die Trauerfeier im Hangar war bewegend. Aus dem ganzen Land kamen 16 weiße E-Klassen für die toten Schüler.“

Seit 12 Jahren ist Koriath in diesem Beruf tätig, sein Bestattungsinstitut ist eines von rund einem Dutzend in Offenbach. Auch ihm ist die Kostenfrage in puncto letzter Ruhestätte nicht fremd. „Italiener achten meist wenig auf das Geld. Die wollen eine schöne und hochwertige Beerdigung, egal, wie viel es kostet“, so seine Erfahrung. Ein großes aufgestelltes Foto vom Verstorbenen sei auf Trauerfeiern inzwischen üblich, doch es gibt noch mehr. In Rumpenheim wünschte sich kürzlich ein Witwer für die Trauerfeier eine Präsentation mit Fotos seiner verstorbenen Frau. Also organisierte Koriath den Beamer. Auch eine Gospelsängerin hat er auf Wunsch schon engagiert. „Solche speziellen Wünsche sind aber eher selten“, sagt er.

Wenn das irdische Leben zu Ende geht, wünschen sich Angehörige oft, dem Verstorbenen einen individuellen Abschied zu bereiten. Foto: Georg

Auf 100 Feuerbestattungen, schätzt er, komme zudem eine Diamantpressung. In einem acht Monate dauernden Prozess wächst unter hohem Druck aus Kohlenstoff ein funkelndes Andenken. Kosten: Rund 4000 Euro zusätzlich zu den normalen Kosten der Feuerbestattung. Die Bandbreite an Urnendesigns ist vielfältig. Ob Keramik, Holz, Naturstein, Mamoroptik, oder verziert mit Sprüchen, Engeln oder gefalteten Händen - die Auswahl ist groß. Am Odenwaldring kosten sie zwischen 90 und 600 Euro. Auch in puncto Sarg gibt es nach oben kaum Grenzen. War die traditionelle Farbe früher stets braun, gibt es inzwischen die ganze Palette von grünblau-metallic über Perlmutt bis hin zu Designerstücken mit eingearbeiteten Natursteinen oder Swarowski-Steinen.

Bestatter Oliver Wendland kritisiert unterdessen die hohen städtischen Kosten, die bei Bestattungen anfallen. Er wünscht sich einen Wandel in der Friedhofskultur. „Bei Bestattungen gibt es kein richtig oder falsch. Jeder sollte so beerdigt werden, wie es zu ihm passt. Auch gesäte Mohnblumen oder eine bunte Blumenwiese sollte möglich sein“, moniert er mit Blick auf das gärtnerbetreute Grabfeld der Stadt. „Leider spielt das ‘Was sagen die Nachbarn’ noch immer eine große Rolle“, bedauert Wendland. Dies führe sogar so weit, dass ihn jemand gefragt habe, ob der schöne, kostspielige Sarg für eine Trauerfeier ausgeliehen werden könne. Unisono berichten die Fachleute, dass auch Bestattungsvorsorge bei Menschen ab einem bestimmten Alter inzwischen durchaus üblich sei. „Es gibt Dinge, die sollte man vorher besprechen, auch wenn’s für viele makaber ist“, findet Thomas Schuhmann. Sonst säßen am Ende möglicherweise drei Geschwister bei ihm und können sich nicht einigen.

Bestattung auf Britisch

In vielen Dingen könne es hilfreich sein, sich vorher Gedanken zu machen, bestätigt Koriath. Auf diese Weise nehme man seinen Angehörigen Arbeit und Entscheidung ab. Möchte ich Musik? Wenn ja: CD oder etwa einen Geiger? „Religiöse Menschen tendieren eher zur Orgel, weniger Religiöse bevorzugen die CD. Aber das ist reine Geschmacksache, das muss jeder für sich entscheiden“, sagt Koriath. Möchte ich aufgebahrt werden? Viele wollten das heute nicht mehr. Koriath selbst hat die Frage nach der Bestattungsart für sich noch nicht beantwortet. „Von Würmern gefressen werden ist das eine, nur noch ein winziges Aschehäufchen zu sein, das andere“, sagt er.

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