Bei bestohlenen Seelen

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Fand am gestrigen Totensonntag besonders viele aufmerksame Leser: Die anonyme Klage eines Diebes-Opfers am Pförtnerhäuschen des Neuen Friedhofs.

Offenbach ‐ Trauer, natürlich. Der Friedhof ist ein Ort der Trauer. Und manchmal auch einer jener hilflosen Wut, die Trauerforscher für Hinterbliebene gleich nach der reflexhaften Verleugnung des Todes vorsehen. Von Marcus Reinsch

Die Zeilen unterdessen, die kürzlich am Eingang des Neuen Friedhofs aufgetaucht sind, zeugen nicht von einem Verfasser, der den bösen lieben Gott anklagt oder das ungerechte Los eines Zurückgelassenen. Eher lassen sie auf einen Stinkwütenden schließen - und auf seinen Glauben, dass die Welt ohne den ein oder anderen Lebenden besser dran wäre.

„Der Mensch ist die schlimmste Bestie auf der Erde“, so steht es in großen Buchstaben auf dem an die Scheibe des Pförtnerhäuschens geklebten Blatt Papier. Und: „Ich wünsche diesem Menschen nur, dass er so schnell wie möglich den Seelen gegenübersteht, die er bestohlen hat.“

Ominöse Erika-Schwund Anfang November

Seinen Namen hat der Autor dieses verzweifelten Plädoyers nicht hinterlassen. Aber andere Details. Der ins Jenseits zu Wünschende klaue nicht nur Blumen, Gestecke und Figuren von Gräbern. „Nein! Jetzt stiehlt er sogar schon fest montierten Grabschmuck von den Grabsteinen.“ Auf diesem Friedhof gelte „Ruhe in Frieden“ schon lange nicht mehr.

Solche leidvollen Erfahrungen mit dem Pietät-Verständnis mancher Zeitgenossen teilt er mit anderen. „Wir werden zurzeit häufiger mit Diebstählen konfrontiert“, bedauert die Chefin der fünf städtischen Friedhöfe, Gabriele Schreiber. Jüngster bekannt gewordener Fall: der ominöse Erika-Schwund Anfang November. Unbekannte raubten von etlichen Gräbern des Neuen Friedhofs die schönen Sträucher. Angehörige fanden nur noch frische Löcher vor, vermuteten die professionelle Vermarktung der floralen Beute vor Allerheiligen und Allerseelen.

Bisher ist keiner erwischt worden

Gabriele Schreiber unterdessen glaubt eher an einen Ortswechsel innerhalb der Friedhofsmauern, sprich: an grabpflegende Angehörige, die die Gräber ihrer eigenen toten Verwandschaft aufpeppen wollten. „Wenn jemand was aus dem Gelände raus trägt, würde das vermutlich auffallen“, meinte sie.

Da stellt sich die Frage: Kann sich ein Hinterbliebener gut dabei fühlen, wenn er der Oma frisch geklaute Blumen aufs Grab stellt?

Die Friedhofschefin würde das auch gerne wissen. Aber es ist bisher keiner erwischt worden, den sie nach Motiven für seine Taten hätte befragen können. Nicht vor Jahren, als immer wieder auf Kindergräbern hinterlassenes Spielzeug verschwand. Nicht, als im letzten März mehrere Gräber auf dem Alten Friedhof beschädigt und Vasen und Halterungen für Grablampen gestohlen wurden. Nicht, als dort im Februar Unbekannte mit brachialer Gewalt eine einzementierte Grablampe herausrissen.

Und beim Erika-Klau stehen die Aufklärungschancen auch eher schlecht. „Dass ein Friedhof überhaupt keine Tabuzone mehr für Diebe und Vandalen ist, das ist das Problem“, sagt Schreiber.

„Was muss noch alles passieren, damit sich hier was ändert?“

Also kriminalistische Ermittlungsarbeit auf dem Friedhof? Beobachten, Lauern, Bewachen? Schwierig. Denn zum einen unterstellt niemand gerne einem Menschen, der gerade ein Grab bepflanzt, dass er diesen Strauch fünf Reihen weiter ausgebuddelt hat. Zum anderen hätte sogar ein in flagranti Erwischter von einem irdischen Gericht wohl nicht mehr zu befürchten als einen Schuss vor den Bug. Der mit empfindlichen Strafen belegbare Tatbestand des schweren Diebstahls zum Beispiel wäre wohl kaum nachzuweisen. Denn dafür muss ein Täter zwingend ein Hindernis überwinden. Aus Kostengründen ist beispielsweise der Neue Friedhof nachts aber ebenso wenig abgeschlossen wie am Tag.

Als Einladung ist das nicht gedacht. Und nach der Erfahrung des ESO wird es auch nicht so gedeutet. Zumindest reagierte der mit der Friedhofsverwaltung betraute Stadtdienstleister seinerzeit auf empörte Kommentare von Hinterbliebenen mit den Hinweis, dass es nun auch nicht mehr Schäden als vorher gebe, aber weniger Anreiz zum Beschädigen verschlossener Tore. Und wer sich außerhalb der Öffnungszeiten bei den Gräbern aufhalte, begehe natürlich nach wie vor Hausfriedensbruch.

Trösten kann das die Opfer von Dieben und Zerstörern nicht. Der Verfasser der Klage am Pförtnerhäuschen fragt: „Was muss noch alles passieren, damit sich hier was ändert?“ Es muss wohl als Frage nach einem Kompromiss zwischen Wachsamkeit und allzu pauschalem Misstrauen verstanden werden. Friedhöfe-Chefin Schreiber jedenfalls ist längst dazu übergegangen, sich ebenso bestimmt wie freundlich jede Durchfahrtsgenehmigung zeigen zu lassen und Verdächtigem sofort nachzugehen.

Wie kürzlich einer Dame, die aus zunächst unerfindlichen Gründen am Ehrenmal des Neuen Friedhofs gärtnerte. Sie hatte eine ganze Schale voller Erika bei sich. Dass sie leicht erschrocken wirkte, als Schreiber sie darauf ansprach, erklärte sich allerdings schnell. Der Blumenladen hatte ihr zu viele Pflanzen für den Eigenbedarf eingepackt. Fünf überzählige Exemplare habe sie deshalb am Ehrenmal gespendet - völlig ungefragt.

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