Besuch in der anderen Welt

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Vertieft sitzen die Spieler vor ihrem PC.

Offenbach - Konzentriert schleicht Julian Stempel durch die staubige Wüstenlandschaft. Er nimmt Schritte wahr, legt sein Scharfschützengewehr an. Ein Blick, ein Klick und sein Widersacher Patrick Kriebus geht zu Boden. Von Julian Setzer

Auf den Zuschauerrängen bricht frenetischer Jubel aus, Julian hat einen entscheidenden Beitrag zum Sieg des Teams „Alternate.Attax“ beigetragen. Der Betriebswirtschafts-Student aus Fulda ist professioneller „Counterstrike“-Spieler und beherrscht die Materie so gut, dass am vergangenen Freitag 1 300 Menschen in der Stadthalle Eintritt zahlten, um sein Team zu sehen. Einige waren sogar mit einem eigens angemieteten Fan-Bus angereist.

Die Stuhlreihen waren bis auf den letzten Platz belegt, viele junge Besucher verfolgten stehend, wie „Alternate.Attax“ den Gegner „hoorai.xilence“ besiegte. Die beiden Clans, wie die Teams in der Szene genannt werden, trafen in den „Electronic Sports League Pro Series“ aufeinander - eine Art Bundesliga der Computerspieler. Am Ende der Saison winken dem besten Team satte 4 000 Euro Preisgeld in der Disziplin „Counterstrike Source“. Für Julian sind die Parallelen zum Profifußball nicht zu übersehen: „Auch bei Counterstrike gibt es einen Transfermarkt, die Spieler stehen unter Vertrag, haben Sponsoren. Und die Besten verdienen Geld mit ihrem Können“.Reich wird man vom Zocken in Deutschland allerdings nicht, das Salär sei vergleichbar mit einem 400 Euro-Job, sagt Julian. Und Preisgelder müssten immer im Team aufgeteilt werden.

Die Bundesliga der Computerspieler war in der Stadthalle Offenbach zu Gast.

„Counterstrike“ hatte aktuell wieder für Schlagzeilen gesorgt, auch der Amokläufer von Winnenden soll hier virtuell getötet haben. Verfolgten die Fans in Offenbach also das Match zwischen potenziellen Gewalttätern? Solche Taten ließen sich nie auf eine einzige Ursache zurückführen, glaubt Dr. Michael Koch vom Jugendamt. „Auch wenn von Gewaltspielen wie Counterstrike eine Sensibilisierung für Soziales sicher nicht zu erwarten ist, erscheint es mir viel wichtiger, auf die Suchtgefahr solcher Spiele hinzuweisen.“

Ibrahim Mazari, „Jugendschutzbeauftragter“ der Electronic Sports League, widerspricht. Zum Organisieren gemeinsamer Trainigszeiten beispielsweise sei ein hohes Maß an sozialer Kompetenz und Zuverlässigkeit nötig. Darüber hinaus existiere das Wort Gewaltspiel in seinem Wortschatz gar nicht, schließlich gehe es hier um ein rein sportliches Kräftemessen.

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Häufig wirkt „Counterstrike“ harmloser, als in den Medien dargestellt. Kein Tropfen Blut fließt, wenn Gewehrkugeln Schutzwesten durchschlagen. Julian Setzer scheint nach dem Spiel ruhig. Von Aggression keine Spur, auch wenn er gerade 20 virtuelle Leben ausgelöscht hat. Seine Freundin Christiane war zum ersten Mal live dabei, hat mit ihrem Julian mitgefiebert. „Das hat mich riesig gefreut“, sagt der angehende Betriebswirt mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, schließlich wusste er um die Vorurteile seiner Freundin. „Ich habe ihr das Spiel in Ruhe erklärt, später hat sie selbst einmal gespielt“,erläutert Julian seine private Lobbyarbeit.

Medienpädagogen verfolgen ähnliche Ansätze. „Mitspielen statt vorschnell urteilen“ hätte das Motto der Eltern-Lan lauten können, einer Initiative der Bundeszentrale für politische Bildung. Eltern und Pädagogen waren im Vorfeld des Ligaspiels dazu eingeladen, „Counterstrike“ unter Anleitung selbst auszuprobieren. „Wir wollen für Erziehende jene Spiele erfahrbar machen, die tagtäglich in den Kinderzimmern gespielt werden“,fasst Mazari das Konzept zusammen.

Dass eine solche Initiative auch bei den zahlreichen Sponsoren der Abendveranstaltung gerne gesehen sein dürfte, liegt auf der Hand. Intel ist Namensgeber des virtuellen Kräftemessens in Offenbach, das politische Meinungsklima kann dem Chip-hersteller nicht egal sein. Es wird auch von der gesellschaftlichen Akzeptanz solcher Turniere abhängen, ob künftig Gelder fließen.

Um 0.45 Uhr endet das letzte Spiel. „Die Veranstaltung war erfolgreich“, zieht Mazari Bilanz, „wenn wir dürfen, kommen wir gerne wieder.“ Ob die Zockerliga wieder in Offenbach gastiert, steht noch nicht fest. Man wolle das sorgfältig prüfen, lässt Jugenddezernentin Birgit Simon verlauten. Wenn Julian Stempel dann noch studiert, hat er gute Chancen, dabei zu sein. „Er finanziert sich damit nur sein Studium“, sagt die Freundin, „dann hört er auf und sucht sich einen richtigen Job.“

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