Hassia-Fabrik

Schießanlage mitten in Wohngebiet: Kritiker sehen „nicht zu unterschätzende Gefahr“

Thomas Messer auf dem Dach seiner Schießanlage: In wenigen Wochen will er eröffnen. Das gefällt allerdings nicht allen.
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Thomas Messer auf dem Dach seiner Schießanlage: In wenigen Wochen will er eröffnen. Das gefällt allerdings nicht allen.

In Offenbach gibt es bald eine Schießhalle. Mitten im Wohngebiet. Manche fürchten eine Gefahr für die Anwohner. Der Betreiber und die Stadt sind anderer Ansicht.

Offenbach – Seit Thomas Messer 2012 die Hassia-Fabrik gekauft hat, ist das historische Industriegemäuer ein Ort geworden, der vor allem durch die bunte Zusammensetzung der dort niedergelassenen Unternehmen hervorsticht. Der Gebäudekomplex an der Christian-Pleß-Straße beheimat unter anderem eine Ballettschule und einen Escortservice, Werbeagenturen und ein Pole-Dance-Studio, eine Zweigstelle des Amts für Arbeitsförderung und nicht zuletzt Messers eigenen Waffenhandel.

Das Geschäft mit den Waffen weitet der ehemalige Personenschützer, der außerdem noch eine Firma betreibt, die passgenaue Holster herstellt, weiter aus. Auf einer bislang ungenutzten Fläche auf dem Hassia-Fabrikgelände errichtet er seit März 2020 ein hochmodernes Schießzentrum.

Offenbach: Hochmoderne Schießanlage entsteht auf Hassia-Fabrikgelände

Es ist ein durchaus imposanter Bau, den Thomas Messer zwischen die bestehenden Häuser setzt: eine teilweise überdachte Parkebene mit Plätzen für Gruppenfahrzeuge der Polizei, zwei Stockwerke, auf jedem ein Schießraum mit mehreren Bahnen, Umkleide-, Seminar- und Trainingsräume, eine Dachterrasse mit Blick über die ehemalige Schuhfabrik und das Senefelderquartier. „2 700 Quadratmeter nutzbare Fläche“, sagt Messer. Er ist stolz auf das, was da unter seiner Federführung wächst.

Zu lange dauerten die Arbeiten schon, sagt er, Rohstoffknappheit habe vieles verzögert. Spätestens im September will er seine Schießanlage endlich eröffnen. Künftig werden dort Landes- und Bundespolizei den Umgang mit Schusswaffen trainieren, aber auch Jäger und Sportschützen. Insbesondere das neue Polizeipräsidium Südosthessen, das selbst nicht mit einer Schießanlage ausgestattet ist, ist auf Einrichtungen wie die von Thomas Messer angewiesen.

Spezielle Schallschutzfenster und -türen, Stahllamellengeschossfang mit Rückprallschutz, Lüftungsanlage mit einer Leistung von 80 000 Kubikmeter pro Stunde, Papierleinwände, auf die für die Schützen verschiedene Szenarien projiziert werden: Wenn Thomas Messer erzählt, mit welchen technischen Raffinessen der Bau ausgestattet wird, spricht aus seinen Worten die pure Begeisterung. Vor allem die 50-Meter-Schießbahn im ersten Obergeschoss sei eine Besonderheit. „Eine Bahn von dieser Länge und Breite gibt es in ganz Deutschland nicht“, sagt er.

Kritiker der Schießanlage in Offenbach verweisen auf Morde durch Rechtsextremisten

Seine Euphorie teilen allerdings nicht alle. In einem offenen Brief äußern nun das Bündnis „Bunt statt Braun“, DGB, der Heinrich-Heine-Club, die Offenbacher Friedensinitiative, „LOS – Offenbach Solidarisch“ und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Kritik am Vorhaben. Die Unterzeichner bringen darin insbesondere ihre Sorge um die Sicherheit der Anwohner rund um die Fabrik zum Ausdruck, verweisen dabei auf „Morde durch Rechtsextremisten an vielen Orten“, bei denen „die Täter als Sportschützen in Vereinen aktiv waren“.

„Eine solche kommerzielle Schießanlage ist in Offenbach fehl am Platz. Der Schutz und die Sicherheit der Bevölkerung müssen Vorrang haben vor dem Profit eines Waffenhändlers. Wir fordern, die Planungen und Bauarbeiten sofort zu stoppen“, heißt es in dem Schreiben.

Und auch die Offenbacher Linke hat Vorbehalte gegenüber der Anlage. „Der Bau eines Schießstandes mitten im Wohngebiet ist problematisch“, heißt es vom Fraktionsvorsitzenden Sven Malsy. Diesbezüglich habe man eine Anfrage an den Magistrat gestellt. „Wir dürfen die Gefahr, die von einem Hightech-Schießstand mitten im Wohngebiet ausgeht, nicht unterschätzen.“

Betreiber von geplanter Schießhalle in Offenbach verteidigt sein Konzept

Bedenken in puncto Sicherheit kann Thomas Messer nicht nachvollziehen. „Wir haben ein monatelanges Genehmigungsverfahren hinter uns, außerdem überwacht ein Schießstandsachverständiger den Bau.“ Ohnehin werde seine Anlage zu mindestens 80 Prozent durch behördliche Nutzung ausgelastet sein. Aber auch wenn es um Jäger und Sportschützen geht, ist Messer – selbst Jäger und Sportschütze – davon überzeugt, dass von ihnen kein Risiko ausgeht. Sei es in der Vergangenheit zu Vorfällen gekommen, habe es sich um Einzelfälle gehandelt.

„Waffenbesitzer sind die am schärfsten überwachte Personengruppe in Deutschland“, sagt Messer. Wer vorbestraft oder psychisch krank sei, dürfe keine Waffe führen, ebenso wenig diejenigen, die ihre Gewehre und Pistolen nicht regelmäßig zu Trainingszwecken nutzen. „Auch darum ist eine solche Anlage wichtig.“

Für Thomas Messer ist es bezeichnend, dass die Beschwerden nicht von den Bewohnern des Senefelderquartiers selbst kommen. „Die Leute hier freuen sich über mehr Polizei-Präsenz“, sagt er. Schließlich gebe es im Viertel immer wieder Probleme mit Drogendealern.

Offenbach: Geplante Schießhalle sorgt für Protest aus der Zivilgesellschaft

Seitens der Stadt tut man die Bedenken ebenfalls ab. Messer habe sich über Jahre„als sehr seriös, zuverlässig und professionell herausgestellt“, heißt es von Stadtsprecher Fabian El-Cheikh. „Die Genehmigung ist eine rein baurechtliche Angelegenheit, bei der alles sehr genau geprüft wurde und bei der alle Verfahren penibel vom Unternehmer eingehalten wurden.“ Auch El-Cheikh weist darauf hin, dass für Waffenhandel und Betreiben eines Schießstandes in Deutschland hohe Auflagen und Kontrollen gebe. Darauf müssen sich nun auch die Kritiker verlassen. (Lena Jochum)

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