Kreative Kriminelle

Ganoven-Ehre gilt nicht mehr

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Offenbach - Das klassische Betrugsdelikt? „Das gibt es nicht“, sagt Werner Kerpen. Von Matthias Dahmer

Die Kreativität Krimineller sei nun mal grenzenlos, die Überlegung, wie man andere über den Tisch ziehen könne, führe zu immer neuen Varianten dessen, was nach Paragraf 263 des Strafgesetzbuchs verboten sei.

Werner Kerpen weiß, wovon er spricht. Der agile und präzise formulierende 51-Jährige ist Leiter des größten Kommissariats im Polizeipräsidium Südosthessen. Das K 23/24, so das behördeninterne Kürzel der Abteilung, kümmert sich um Geldfälschung ebenso wie um Umweltkriminalität und eben alle Spielarten des Betrugs.

Das Delikt hat Konjunktur. Das offenbarte zuletzt ein Prozess vorm Amtsgericht, bei dem der Richter den Missbrauch von Kreditkarten als Problem bezeichnete, mit dem man in Offenbach zu kämpfen habe.

Die zum Teil unglaublichen Maschen der Betrüger

Werner Kerpen kann das mit Zahlen aus der Statistik untermauern: Noch vor 20 Jahren, sagt er, hat der schwere Diebstahl mehr als die Hälfte aller Delikte im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Südosthessen ausgemacht. Mittlerweile liegt diese Straftat nur noch bei rund 20 Prozent, der Betrug hat sich indes mit einem Anstieg von fünf auf 24,2 Prozent fast verfünffacht. „Veränderung der Deliktstruktur“ heißt das bei der Kripo.

Warum das so ist, dafür hat der Erste Kriminalhauptkommissar ein Beispiel parat. Es wird im Verlauf des Gesprächs eines von vielen sein, welche die zum Teil unglaublichen Maschen der Betrüger anschaulich machen.

Früher, sagt Kerpen, haben Jugendliche als „klassisches Beginner-Delikt“ Blaupunkt-Radios aus Autos geklaut und diese dann für 50 Mark vertickt. „Lesen Sie heute noch Polizeimeldungen von solchen Autoaufbrüchen?“, stellt er eine eher rhetorische Frage und gibt sogleich Antwort: „Das geht heute viel einfacher. Und man bekommt sogar ein neues Radio mit zwei Jahren Garantie.“

„Senioren sind nach wie vor stark betroffen“

So funktioniert es: In einschlägigen Foren im Internet, die oft nur einige Tage existieren, bieten Kriminelle Daten von Kreditkarten an, die sie zuvor unter Umständen zu Tausenden bei Unternehmen gehackt haben. Für zehn Euro kann am PC ein Datensatz erworben werden, damit ist dann problemlos der Online-Kauf von teuren Handys oder Klamotten möglich. Weil die Lieferung an die eigene Adresse ziemlich dämlich wäre, geht die Ware an eine DHL-Packstation – die dafür benötigten fremden Daten gibt es gegen geringen Aufschlag ebenfalls im Internet. „Solche Bestell-Betrügereien sind mittlerweile klassische Taten von Heranwachsenden“, so Kerpen.

Ein unvermindert beliebtes Ziel von Kriminellen steht am anderen Ende der Altersskala. „Senioren sind nach wie vor stark betroffen“, berichtet der Kommissariatsleiter. Egal, ob Enkeltrick oder Gewinnversprechen, trotz zahlreicher Aufklärungskampagnen fallen Ältere immer wieder drauf rein. Warum das so ist? „Es wundert sich nur der, der noch seine vollen geistigen Fähigkeiten hat“, sagt Kerpen. Oftmals leben die Opfer allein, sind gar an Demenz erkrankt. Kerpen: „Wenn dann plötzlich von Senioren ungewöhnlich hohe Summen vom Bankkonto abgehoben werden, sollten Bank-Mitarbeiter hellhörig werden.“ Man freue sich über jeden Bankmenschen, der der Polizei Mitteilung mache, umschreibt er höflich, dass das selten der Fall ist.

Die Tricks sind vielfältig

Weil die Alten so leichte Beute sind, gehören ihre Daten zu den begehrtesten. „Datensätze von Senioren sind für Kriminelle wertvoller als die von 30-Jährigen“, sagt Kerpen. An die nötigen persönlichen Angaben zu gelangen, ist keine Hexerei: Bei fast jedem Kreuzworträtsel-gewinnspiel, an dem man teilnimmt, wird auf der Antwortkarte nach dem Alter gefragt. Solche Daten werden dann weiterverkauft, gelangen irgendwann in die Hände von Kriminellen.

Die Tricks, mit denen die so aufgespürten betagten Opfer überlistet werden, sind vielfältig: So gibt es etwa die betrügerische Rechnungsstellung mit Androhung des Gerichtsvollziehers. Die Opfer erhalten ein Schreiben, in dem sie zur Bezahlung einer Leistung aufgefordert werden, die niemals erbracht wurde. Aus Angst vor Sanktionen wird gezahlt. Kerpen weiß von einer betrügerischen Firma in Neu-Isenburg zu berichten, die Zehntausende solcher Schreiben verschickt hat. „Bis zu 30 Prozent der Angeschriebenen haben Beträge zwischen 150 und 300 Euro überwiesen.“

Unter der Rubrik „betrügerische Gewinnmitteilung“ weiß Werner Kerpen von Fällen, in denen Senioren mit der angeblichen Aussicht auf einen Lottogewinn von einer halben Million um Beträge von bis zu 60.000 Euro erleichtert wurden. „Die Ganoven-Ehre, wonach man Alte und Kinder in Ruhe lässt, gilt nicht mehr.“

Opfer sind einsame Frauen „jenseits der 40“

Eine nicht immer hilfreiche Rolle im Kampf gegen den Betrug spielen die Kreditinstitute. Mit der Nennung von Namen hält sich der Kripo-Mann höflich zurück. Er spricht lieber davon, dass manche Banken „unkritisch“, das heißt, ohne dass vom Antragsteller ein Gehaltseingang nachgewiesen werden muss, zum Beispiel EC-Karten ausgeben. In Verbindung damit, dass der Handel zum Teil nur mit dem Lastschriftverfahren arbeitet und auf die Eingabe einer PIN verzichtet, sind Betrugsstraftaten möglich. Für Kerpen die bessere und technisch durchaus machbare Lösung: Beim Karteneinsatz immer die PIN verlangen und damit zugleich eine Abfrage des Kontostands verbinden. „Bei EC-Karten für Schüler wird das schon so praktiziert“, sagt er.

Andere Banken fallen dadurch auf, dass man bei ihnen mühelos einen Kredit bekommt. Kerpen: „Da gehen Sie als Laufkunde rein und kommen mit 30.000 Euro wieder raus. Wer denkt da noch daran, eine Bank zu überfallen?“

Am Ende des mit noch viel mehr Details aus dem weiten Feld des Betrugs gespickten Gesprächs kann der Kommissariats-Chef von einer – diesmal nicht ganz so häufigen – Masche berichten: Opfer sind einsame Frauen „jenseits der 40“, die via Internet Bekannschaft mit angeblichen Verehrern schließen. Die organisierten Täter sitzen zum Beispiel in Nigeria und gaukeln so lange Liebe vor, bis ihre Bitte um finanzielle Unterstützung von den vermeintlich Angebeteten erhört wird. Mit dieser „Love Scamming“ genannten Abzocke haben Kerpen und seine Mannschaft durchschnittlich einmal im Monat zu tun. Weil die Opfer sich oft erst bei großen Vermögensschäden an die Polizei wenden, dürfte das Dunkelfeld auch hier aber größer sein. „Es ist für uns immer wieder erschütternd, wie leidensfähig die Leute sind“, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar.

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