Wer sein Geld wert ist und wer nicht

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Die Bewertung der 1000 Stellen in der Stadtverwaltung sorgt für Unmut bei den Rathaus-Mitarbeitern.

Offenbach ‐ Seit kurzem kann jeder der rund 1 000 Mitarbeiter der Offenbacher Stadtverwaltung schwarz auf weiß nachlesen, wie eine Kommission die auf seiner Stelle zu verrichtende Arbeit ein- und wertschätzt. Von Thomas Kirstein

Und kann auch auf einen Blick sehen, was man von der Bedeutung seines Kollegen oder Vorgesetzten hält. Die flächendeckende Verteilung und etliche Inhalte der Bewertungsvorschläge sorgen bereits für manchen geschwollenen Kamm im Rathaus. Herabstufungen von Stellen haben zwar keine aktuellen finanziellen Auswirkungen auf ihre Inhaber, weil sie erst bei Neubesetzung wirksam werden. Jedoch werden sie von vielen Betroffenen als eine Art Degradierung verstanden.

Die Bewertung seitens der Kommission diskreditiere ihn persönlich und sachlich, klagt ein „abgewerteter“ Beamter: „Jeder kann lesen, dass ich eigentlich mein Geld nicht wert bin.“ Ein anderer meint: „Es könnte mir eigentlich egal sein, aber ich bin doch erstaunt, dass es mich bewegt.“

Natürlich werde unter Kollegen auch gefrotzelt, etwa dass einer mit seinem Hochschulabschluss wohl überqualifiziert sei, wo doch laut Beschreibung für den Job die Verwaltungsfachhochschule ausreiche. „Die Leute sind jetzt mehr damit beschäftigt, Vergleiche anzustellen, als sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren“, ist sein Eindruck.

Schneider will Vergleichbarkeit herstellen

Die allumfassende Überprüfung geht auf einen Magistratsbeschluss aus dem Jahr 2009 zurück, der Prozess selbst wurde zwei Jahre vorher angestoßen. Durch individuelle und funktionsbezogene Anhebungen, mehr als 200 an der Zahl, sei keine Vergleichbarkeit mehr gegeben gewesen, begründet der Personaldezernent, Oberbürgermeister Horst Schneider, die Einberufung der Kommission. Unter seinem Vorgänger Gerhard Grandke galt das Prinzip, dass die Übernahme von zusätzlichen Aufgaben eine Besoldungsstufe mehr bringen könnte.

Schneider will unter Anwendung bundeseinheitlicher Parameter eine Vergleichbarkeit herstellen. „Die Stelle wird bewertet, nicht der Inhaber“, betont er.

Eine 17-köpfige Runde aus der Verwaltung hat unter externer Moderation in 68 Sitzungen versucht, eigene Einschätzungen und von den Amtsleitern abgegebene Bewertungen zu einem konsensfähigen Ergebnis zu verbinden. Das sieht so aus: Von 1 000 Stellen werden 150 abgewertet, 180 aufgewertet, der Rest bleibt wie gehabt. „Je nach Psychostruktur fühlen sich einige mehr, andere weniger getroffen, wer was Besseres kriegt, schweigt still, und für die große Mehrheit ändert sich sowieso nichts“, analysiert der Oberbürgermeister die Stimmungslage.

Abstufungen werden erst zeitverzögert wirksam

Dem jetzt vorliegenden Vorschlag, der noch zu diskutieren ist und von der Stadtverordnetenversammlung abgesegnet werden muss, werden auch Geburtsfehler angelastet. Es sei wohl ein Fehler gewesen, dass sich die dienstleistenden Ämter vor der Mitarbeit in der Kommission gedrückt hätten, sagt selbstkritisch ein Amtsleiter, der die Absicht, für mehr Transparenz zu sorgen, gleichwohl für richtig hält.

Er glaubt, die überwiegend mit auf klassischer Rathaus-Laufbahn vorangekommenen Angehörigen der internen Verwaltung besetzte Runde habe Leistungen zu sehr aus ihrer Sicht beurteilt. So seien Quereinsteiger schlechter weggekommen: „Die innere Verwaltung profitiert, die Ämter an der Front verlieren.“

Tatsächlich sollen die Führungsstellen einiger öffentlichkeitswirksamer und als wichtig geltender Abteilungen abgestuft werden. Die Nachfolger der derzeitigen Leiter sollen schlechter bezahlt werden. Absteiger sind beispielsweise Kämmerei, Kassen- und Steueramt, Amt für Wirtschaftsförderung und Liegenschaften, Ordnungsamt, Wohnungs-, Versicherungs- und Standesamt, Gesundheitsamt und Amt für Öffentlichkeitsarbeit. Aufsteiger sind unter anderen der Leiter des Ausländeramts, der Feuerwehrchef und sein Vize, der Vorsteher des neuen Sportbüros, die Chefin des Bürgerbüros sowie alle drei Frauenbeauftragten.

Ein Hauptvorwurf, den das ganze Verfahren trifft, ist der, dass es weniger konfliktträchtig gewesen wäre, Stellen einzeln beim Ausscheiden eines Inhabers neu zu bewerten. Zumal der Rundumschlag keine Einspareffekte hat: Abstufungen werden erst zeitverzögert wirksam, während Beförderungen mit ihren finanziellen Folgen sofort beantragt werden können.

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