Die Bewohner bestimmen

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Das „StattHaus" entsteht in der Geleitsstraße Offenbach. Eine Stiftung baut es um.

Offenbach - Jutta Burgholte-Niemitz verfügt über eine mehr als wertvolle Eigenschaft: Gelassenheit. Von Stefan Mangold

Als im „StattHaus“ an der Geleitsstraße 94 eine Stunde vor Beginn einer Informationsveranstaltung zum Welt-Alzheimertag bemerkt wird, dass nirgends im Gebäude Wasser fließt, bleibt sie auch dann noch ruhig, als die angerufene EVO vom einen zum anderen und am Ende wieder zurück verbindet.

Bis vor kurzem gehörte das 1898 erbaute Haus der Stadt. Die verkaufte es an die „Hans und Ilse Breuer Stiftung“. Der Unternehmer Hans Brauer fühlte sich vor zehn Jahren von einem Demenzfall in der Familie überfordert. Er habe nicht gewusst, wie er damit umgehen sollte. Später gründete er die Stiftung mit Sitz in Frankfurt, deren Zweck es sein soll, „die Lebenssituation von Demenzkranken und ihren Angehörigen entscheidend zu verbessern“.

Ab dem nächsten Jahr wird es in dem Haus, das einst als Mädchenschule diente und sich dann zum Polizeigefängnis wandelte, betreute Wohngemeinschaften für Demenzkranke geben. Bis dahin muss die Stiftung die Altbauimmobilie renovieren und baulich anpassen. Auf allen fünf Ebenen, auf der Terrasse und im Garten soll sich das Leben dann abspielen. „Es kommt darauf an, in welchem Umfeld sich die Menschen mit Demenz bewegen“, betont die Sozialpädagogin und Projektleiterin Jutta Burgholte-Niemitz. „Die Menschen werden schwierig, weil die Atmosphäre nicht stimmt.“ Das passiere zu Hause leicht, wenn der Alltag die Angehörigen überfordere.

Das „StattHaus“ sei kein Altenheim, darauf legt Burgholte-Niemitz besonderen Wert. „Im Statt-haus bestimmen Bewohner und Angehörige die Tagesabläufe.“

„Jeder hilft jedem“

Auch der Pflegedienst sei nicht vorgegeben. „Dem kann bei Problemen gekündigt werden.“ Die Stiftung vermietet die Räume und berät, „die organisatorischen Entscheidungen treffen die Angehörigen autonom“. Die könnten auch regulieren, wie weit sich jeder bei der Betreuung einbringt. Die Zimmerpreise sollen in etwa bei 300 Euro liegen, dazu kommt der Pflegedienst. Auch nachts muss ein Betreuer im Haus sein.

Noch liegt hier unansehnlicher Teppich- und Linoleumboden. Der soll einem Holzparkett weichen. Für die Räume im Keller „planen wir ein Café, das jedem offen steht“. Augenblicklich verhandele die Stiftung mit einem sozialen Anbieter, der das Café betreiben soll. Auch viele aus der Nachbarschaft kommen vorbei, um sich alles anzuschauen. Bis zum Abend mögen es hundert Besucher gewesen sein. Burgholte-Niemitz hatte im Vorfeld bei vielen angeklingelt, um zu erzählen, was demnächst mit dem Gebäude passiert. Es gehe darum, „Demenz zu entmystifizieren, der Krankheit den Schrecken zu nehmen“.

Auch die beiden Wohneinheiten, die während der Renovierung im Dachgeschoss entstehen, gehören zum Konzept. Demente werden hier oben aber nicht leben. Wer einzieht, kann die Miete mindern, indem er für eine bestimmte Anzahl von Stunden im Haus hilft. Gut vorstellbar wäre es, „wenn etwa Studenten von der HfG hier einziehen“. Die Künstlerateliers der Hochschule für Gestaltung liegen gegenüber.

Was sich als praktisch erweist. Dort können die Helfer das Wasser für den Kaffee holen. Wer muss, benutzt drüben die Toilette. Für Jutta Burgholte-Niemitz ist die Handhabung des Problems Sinnbild des Statthaus-Konzepts: „Jeder hilft jedem“.

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