Bewohner sollen bleiben

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Pfarrerin Patricia Pascalis von der Schlosskirche an der Arthur-Zitscher-Straße hat eine kleine Gemeinde: Um das Leben im Quartier zu verbessern, lässt man sich einiges einfallen - nicht nur für Christen.

Offenbach ‐ Not macht erfinderisch. Da geht es der Kirche kein bisschen anders. Wenn es nicht der Mitgliederschwund ist, der vielen Gemeinden zu schaffen macht, dann eben die hohe Fluktuation in einem Stadtteil wie dem Mathildenviertel. Von Simone Weil

Das bekommt die evangelische Schlosskirchengemeinde an der Arthur-Zitscher-Straße besonders heftig zu spüren. Während man in den 80er Jahren noch 5 000 Mitglieder zählte, sind es heute lediglich 840 in einem Quartier, in dem etwa 14 000 Menschen leben. „Es ist gar nicht so, dass so viele ausgetreten wären, die meisten sind einfach nur weggezogen und wohnen heute im Grünen irgendwo im Kreis“, sagt Pfarrerin Patricia Pascalis. Ihrer Meinung nach erzählt diese Veränderung viel darüber, wie sich die dicht besiedelte östliche Innenstadt in den vergangenen 30 Jahren gewandelt hat.

Die Wurzeln seiner heutigen Bewohner liegen in etwa 50 Nationen, darunter viele Muslime und interkulturelle Paare. Arbeitslosigkeit, Armut, mangelnde Sprachkenntnisse und dementsprechend unzulängliche Integration kennzeichnen die Lebenssituation vieler Bewohner, die sich oft isoliert fühlen. Doch wie soll man Kontakte aufbauen, wenn so oft umgezogen wird, dass statistisch gesehen, in der Innenstadt alle fünf Jahre die Bewohner einmal wechseln.

In Containern, bis Pfarrhaus bezugsfertig ist

Religion spielt in der östlichen Innenstadt eine große Rolle, auch wenn es sich dabei nicht um ein christliches Bekenntnis handelt. So trifft die Pfarrerin immer häufiger bei Beerdigungen auf Muslime in der Trauergesellschaft. „Es ist nicht so, dass wir hier eine Insel innerhalb anderer Religionen sind“, meint die 42-Jährige, die genau diese Situation als Herausforderung begreift. „Es ist mir immer wichtig, dass die Kulturen ihren Platz haben müssen und sich zuhause fühlen können“, sagt sie.

Die Gemeinde sieht das ganz ähnlich. Deswegen wollen sich die Christen einmischen, Verantwortung für den Stadtteil übernehmen und sich den Aufgaben stellen, die die Einwanderungsgesellschaft mit sich bringt. Dazu gehört auch die Idee, der Diakoniekirche, die im Entstehen ist. Dafür ist das Diakonische Werk näher gerückt, quartiert derzeit noch in Containern, bis das Pfarrhaus bezugsfertig ist und wirklich die Rede von einem Diakoniezentrum sein kann. „Viele finden nicht den Zugang zu dem, was sie brauchen“, weiß die Pfarrerin. Umso einfacher wird es einmal sein, Ratsuchende an das Zentrum zu verweisen, das unter anderem mit Schuldner-, Migranten- und Lebensberatung Hilfestellung gibt.

„Dass die Menschen hier bleiben wollen“

Mit wie vielen Problemen, die Menschen im Viertel zu kämpfen haben, merkten die Erzieherinnen der Kindertagesstätte der Gemeinde zuallererst. Immer häufiger wurden sie um Beistand bei Auseinandersetzungen mit Behörden oder Übersetzungshilfen gebeten, weil zu ihnen Vertrauen entstanden war.

Die Diakonie finanziert den neuen Gemeinwesenmitarbeiter Bernd Schmidt, dem eine halbe Stelle für das Projekt zur Verfügung steht. Mit der anderen halben Stelle ist er in der Schuldenprävention tätig. Die Kosten für die auf zwei Jahre befristete zusätzliche halbe Stelle von Pfarrerin Pascalis für den diakonischen Gemeindeaufbau trägt die Landeskirche.

Unter dem Titel „Wir im Mathildenviertel“ wurde erst einmal eine Bestandsaufnahme versucht: Was  stört? Was ist gewünscht? Daraus sind einige Initiativen entstanden: ein Besuchsdienst etwa, der ältere Bürger daheim aufsucht, ein Frauen-Café für Mütter, die Deutsch lernen und sich austauschen wollen und vieles mehr. Erklärtes Ziel dieser angestrebten Verbesserungen der Lebensbedingungen: „Es müsste so werden, dass die Menschen hier bleiben wollen“, hofft Patricia Pascalis.

Mehr Informationen gibt‘s auf der Internetseite der Diakoniekirche Offenbach.

Auch bei Veranstaltungen ist die Kirchengemeinde recht erfinderisch: Bereits seit einiger Zeit hat sich die Reihe „musik.erzählt.leben“ sonntags um 11 Uhr etabliert, in der im Gespräch Perspektiven eröffnet werden sollen, persönliche, musikalische, sprachliche und interreligiöse. Bei dem erst kürzlich aus der Taufe gehobenen weiteren Sonntags-Angebot „15 Uhr Zitscher“ fanden sich aus dem Stand 35 Leute ein, erzählt die Pfarrerin begeistert. Ganz sicher soll es nach solch einem Auftakt weitergehen.

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