Der Bieberer Herr der Koffer

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Kaputt geht, was absteht: Hermann Kudritzki in seinem Reich.

Bieber - Hätten die Kudritzkis noch einen Koffer in Berlin, wie es einst Marlene Dietrich singend empfahl, sie würden ihn wohl einfach dort lassen und ignorieren. Denn zuhause in Bieber haben sie von den Reisehelfern einige hundert Exemplare. Von Katharina Hempel

Verreisen werden sie damit nicht - das Ehepaar braucht großes Gepäck nicht für den Urlaub, sondern für die Arbeit. Seit dreißig Jahren betreiben Elisabeth und Hermann Kudritzki in Bieber einen Koffer-Reparaturservice.

„Wir haben ganz klein angefangen. In der Weinbergstraße“, erinnert sich Elisabeth Kudritzki. „1993 haben wir dann in der Salzburger Straße neu gebaut.“ Und dort viel Platz für viele Koffer geschaffen. Jetzt wird also in den oberen Etagen gewohnt und im Erdgeschoss repariert. Während der Öffnungszeiten steht die Tür zu dem Einfamilienhaus sperrangelweit offen. Die Flure, die Wände, das Büro - überall stapeln sich Koffer aus Kunststoff, Leder, Stoff, neben-, hinter-, übereinander. „Sieht alles schlimmer aus als es ist“, lacht der gelernte Täschner Hermann Kudritzki. Seine Frau fügt hinzu: „Ordnung zu halten ist bei uns schwer. Es herrscht eher ein geordnetes Chaos. Aber ich behalte den Überblick. Dem Computer sei Dank.“

Auf der Suche nach seinem Körbchen

Ab und an dotzt Dackel Tobi auf der Suche nach seinem Körbchen gegen die Gepäckstücke. Der heimliche Chef des Hauses ist seit kurzem blind. In der Werkstatt allerdings hat das Herrchen das Sagen. Zusammen mit einer Stepperin hinter der Nähmaschine und drei 400-Euro-Kräften arbeitet Hermann Kudritzki einen Berg aus rund 300 Koffern ab. Taschen, Aktenmappen und sogenannte Golfbags kommen noch dazu.

Für die Reparatur können der Täschner und seine Helfer auf tausende Ersatzteile zurückgreifen, die in den Regalen, Schubladen, Holz- und Plastikkästen der Werkstatt lagern. „Allein jeder Samsonite-Koffer hat ungefähr 30 verschiedene Ersatzteile“, erklärt Elisabeth Hermann. Das reicht von den Rollen über die Griffe bis zu den Schrauben. „Und die Reparatur lohnt sich, weil es hochpreisige Koffer sind.“

Die Hersteller Rimowa und Samsonite sind die Hauptkunden der Bieberer. „Wir sind die größte Privatstation in Deutschland, die für diese Hersteller repariert.“ Doch bis es endlich soweit war, mussten sie viele Klinken putzen. „Damals“, erinnert sich die 60-Jährige, „das war 1984, musste mein Mann in Belgien in der Firmenzentrale von Samsonite vorstellig werden und vor versammelter Mannschaft eine neue Schale in einen Koffer einbauen. Im dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd!“

Liebe zu Koffern, Köfferchen, Taschen und Täschchen

Die Liebe zu Koffern, Köfferchen, Taschen und Täschchen wurde dem Ehepaar in die Wiege gelegt: Ihre Eltern waren Lederwarenfabrikanten in Bieber. Kennengelernt haben sich Elisabeth und Hermann beim Tischtennis. Seit 40 Jahren sind sie verheiratet; fast genauso lange arbeiten sie auch schon zusammen.

Neben dem Einzelhandel bitten auch Privatpersonen die Kudritzkis um Hilfe, wenn der Reißverschluss klemmt oder sich Schräubchen lösen. Am häufigsten geht aber alles kaputt, was am Koffer absteht: Rollen, Griffe, Gestänge und Zahlenschlösser – meistens verstellte. Deswegen fährt sogar das Ordnungsamt öfters vor. Immer dann, „wenn sich die Schlösser ihrer Aktenkoffer nicht öffnen lassen, in denen die mobilen Blitzgeräte verpackt sind“.

Zwischen fünf Minuten und eineinhalb Stunden braucht der 62-jährige Hermann Kudritzki für einen Koffer. Wieviele schon über seine Werkbänke gegangen sind? „Hunderttausende bestimmt“, schätzt der Täschner. Aufs Jahr gerechnet kann er eine genauere Zahl nennen: 8000. Viel Arbeit. Doch die Kudritzkis würden nicht tauschen wollen: „Uns macht es Spaß und wir haben ein herzliches Verhältnis zu unseren Kunden.“ Und eins haben sie nach all den vielen Jahren und den ganzen Gepäckstücken, die sie wieder hergerichtet haben, gelernt: Wenn ein Ehepaar mit zwei Koffern vorbei kommt, dann gehört dem Mann immer der kleinere.

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