Kerbtradition trotzt Wetterbedingungen

Gute Laune am Ostendplatz

+
Schal statt Krawatte: Roswitha Schell rückt dem Kerbborsch das Jackett zurecht. Ohne ihn ist die Kerb in Bieber nicht komplett, nein, kaum vorstellbar.

Bieber - Im Juli war das Fest der Bieberer Vereine von Sturmtief Zeljko verblasen worden. Ähnliches Schicksal blieb der Kerb zum Glück erspart, gleichwohl eher durchwachsene Wetterbedingungen herrschten. Sie vermochten die gute Laune der Feiernden nicht einzutrüben. Von Harald H. Richter.

Zugegeben, der Kerbborsch ist kein echter junger Mann, der da im Bollerwagen durch Bieber gezogen wird, sondern eine wiederum von Roswitha Schell in feinem Zwirn ausstaffierte Figur. Aber er symbolisiert jene dörfliche Tradition, die zu bewahren sich die Interessengemeinschaft Bieberer Ortsvereine (IGBOV) um Vorsitzenden Heinz-Josef Lorz verpflichtet fühlt. Stilvoll behütet und zu schwarzem Anzug mit weißem Hemd trägt er eine rote Weste, diesmal jedoch keine Krawatte, sondern einen Schal. „Der ist doch auch sehr kleidsam“, ist Schell überzeugt und zupft das locker um den Hals geschlungene Kleidungsstück etwas zurecht. Angeführt durch das Orchester des Musikvereins Eintracht und von etwa zwei Dutzend gut gelaunten Einwohnern begleitet, zieht sie das geschmückte Wägelchen mit der Puppe vom Kirchhof über die Pfarrgasse zum Festgelände auf den Ostendplatz.

Kein Zweifel: es ist Kerb in Bieber. Unter den großkronigen Bäumen des 2011 umgebauten Ortsmittelpunkts sind die Tische und Bänke des Biergartens dicht besetzt. Alt und Jung lassen es sich schmecken und beobachten den Lauf der Dinge. Unüberhörbar ist der kleine Kerbumzug inzwischen dort angelangt, denn Florian Seemann und seine knapp 20 Musikanten lassen zackig den Deutschmeister Regimentsmarsch erklingen und legen mit Down by the Riverside noch was Flottes nach. Seit vier Jahren dirigiert er das Orchester des 1898 gegründeten Traditionsvereins. In dessen Reihen finden sich bemerkenswert viele junge Leute: die Querflöte spielende Lara ist mit 13 Jahren die jüngste Instrumentalistin, IGBOV-Vize Georg Zahn, der taktgebend die große Trommel schlägt, mit 65 hingegen ein „alter Hase“.

Anecken ausgeschlossen: Zu einer Fahrt im Autoscooter sagen große und kleine Besucher nur selten nein.

Die Formation ist fester Bestandteil des Vereinsgefüges in Bieber. Das erklärt einmal mehr, warum etwa ihr Frühjahrskonzert unter dem Motto „Rund um den Globus“ auch auf dem Ostendplatz so gut besucht gewesen ist. Schmissige Rhythmen sind auch am Sonntag gleich im Anschluss an das Hochamt beim allerdings von Nieselregen begleiteten Kirchweihfest im Pfarrhof von St. Nikolaus zu hören. Dort locken außerdem Kinderbelustigungen und vor allem frisch gebackener Kerbkuchen – ebenfalls unverzichtbar, wenn es um die Brauchtumspflege in Bieber geht, und vor allem schmackhaft. Doch auch zwischen den etwa 15 Buden und Fahrgeschäften auf dem Ostendplatz, wo sich Kinderkarussell und Flugexpress drehen und der Autoskooter zu Fahrten mit den Chaisen lockt, wird genascht und geschlemmt. Am Crêpes-Stand von Brigitte Stein etwa, oder bei Nancys Grillhütte des Hanauer Schaustellers Dominik Weingärtner. Deftiges vom Grill geht immer und ein kühles Blondes aus den Zapfhähnen sowieso.

Bilder der Dietesheimer Kerb

Bei manchen jüngeren Kerbbesuchern sind die halbgefrorenen Erfrischungen der Renner, die sich Slushs nennen und aus nichts anderem als aus Wasser, Zucker, Farb- und Aromastoffen bestehen. Dementsprechend knallbunt glitzert das kristalline Gemisch in den Bechern. „Schmeckt lecker“, ist jedenfalls Dreikäsehoch Kevin überzeugt und saugt genüsslich am Trinkhalm. Andere halten sich eher an Popcorn oder Zuckerwatte. Treffsicherheit gilt es an der Schießbude und am Darthaus zu beweisen oder beim Büchsenwerfen. Den richtigen Ton trifft Hucky Reinhardt mit seinem Musikprojekt „Cinzsecco“ und setzt zu samstagabendlicher Stunde auf eigener Bühne mit einem Mix aus Schlager, Pop und Oldies gepflegte Partysoundakzente. Nach dem gestrigen familientag nimmt die Kerbborsch-Figur nun bis nächsten August ihre Auszeit.

Kommentare