Bierfest auf dem Aliceplatz

Genuss aus Hopfen und Malz

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Prost! Seit vier Tagen steht die Innenstadt im Zeichen des Bieres, heute ist der Abschlusstag des Bierfests. Das Quartett hat’s sich bereits schmecken lassen. J Foto:

Offenbach - Meinhard Wicht ist diplomierter Sommelier – nicht für Wein, wie man zunächst annehmen möchte, sondern für der Deutschen liebstes alkoholisches Getränk: das Bier. Von Harald H. Richter

Nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 ausschließlich mit Hopfen, Malz und Wasser gebraut, wird es hierzulande in über 5000 Sorten von mehr als 1400 Brauereien hergestellt. Nun muss ein Biersommelier nicht sämtliche Sorten kennen, geschweige denn probiert haben. Dennoch hat Meinhard Wicht eine Bescheinigung in der Tasche, die ihm ausgewiesenes Fachwissen bestätigt. Einiges aus seinem reichen Erfahrungsschatz vermittelt er beim Bierfest den OP-Lesern Hannelore Schreier aus Rodgau, Katja Zech aus Offenbach, Heiko Lutsch aus Mühlheim und Arno Zischofsky aus Hainburg sowie deren Begleitung bei einem Rundgang.

Braufachmann Meinhard Wicht (mit Strohhut) nimmt Leser unserer Zeitung mit auf eine Reise ins Reich des Gerstensaftes.

Der 46-Jährige in Diensten einer Brauerei „aus dem Herzen der Natur“ versteht sich als Mundschenk und Vorkoster, Neudeutsch als Genussmanager. Die Qualifikationsbezeichnung Biersommelier selbst ist relativ jung. Bis Ende der 1990er Jahre stand Bier in der Spitzengastronomie nicht besonders hoch im Kurs. Das hat sich geändert. Ähnlich wie beim Wein bieten Lokale inzwischen eine zunehmende Auswahl internationaler Biersorten an. Analog zum Weinkellner wird auch vom Bierkellner beziehungsweise Sommelier erwartet, dass er die Gäste berät. Dabei ist die Beziehung des Bieres zum Essen von Bedeutung. Zum kräftigen Schweinefleischgericht passt neben einem bayerischen Weißbier durchaus ein französisches „Bière blonde“ (Helles) oder ein Altbier, jedoch kaum ein Kölsch. Nicht minder wichtig ist bei der Verkostung die Reihenfolge. So gibt es zum Beispiel kein helles Bier nach einem dunklen – analog zu „kein Weißwein nach Rotwein“. Die Stammwürze der jeweiligen Sorte ist ebenfalls von Belang.

Einstündige Verkostung

Braufachmann Meinhard Wicht leitet die rund einstündige Verkostung mit einer kleinen Theoriekunde über die Ingredienzen und den Herstellungsvorgang ein. „Gerste und Weizen, Hopfen und Hefe im entsprechenden Zutatenverhältnis sind die Bestandteile – je nachdem, welches Bier gebraut werden soll.“ Pils ist in Deutschland am weitesten verbreitet, das klassische Exportbier nahezu bedeutungslos geworden, was der Genussmanager bedauert. „Im Export liegt das ganze Gerstenfeld“, schwärmt Wicht, „und es ist das ideale Bier zum Grillen.“ Die Gruppe lässt sich auch ohne Steak und Würstchen eine Probe des Spezial Hell aus der Klosterbrauerei Andechs munden.

Beim Rundgang übers Festgelände auf dem Aliceplatz nehmen die „Bierkundeschüler“, die veranstalterseitig von Katrin Wölfel aus dem Hause Kampfmann begleitet werden, an sechs weiteren exemplarischen Stationen Proben, wobei wegen der Hitze auf den Genuss von Bockbier verzichtet wird. Dennoch sind unzählige Aromen und Geschmacksnoten zu entdecken, hauchzarte Unterschiede zwischen den Sorten auszumachen. Vom leuchtenden Gelb über Bernsteintöne bis zu tief-dunkelroten Farbnuancen, von intensiven Hopfennoten über fruchtige Geruchseindrücke bis hin zu Kaffeearomen, eine intensive Rezenz, Röstmalzgeschmack bis zur rund eingebundenen Bittere ist alles dabei, was Biervielfalt ausmacht und das Kennerherz höher schlagen lässt.

Geschmackrezeptoren in der Zungen- und Rachenschleimhaut

Auch wer kein Experte ist, kann die ausgeschenkten Sorten sensorisch beurteilen. Die Geschmackrezeptoren in der Zungen- und Rachenschleimhaut werden unterschiedlich aktiviert, was auch davon abhängt, aus welchem Glas ein Bier getrunken wird. „Beim Genuss aus dem Krug sind vorwiegend die hinteren Sinneszellen angesprochen, beim Tulpenglas die vorn auf der Zunge gelegenen.“ So wird ein Bier mal bitter, mal salzig, mal süß und mal säuerlich wahrgenommen, mitunter ist es vollmundig, dann wieder herb oder auch mild. Die Signale des Geruchssinns lassen es aromatisch fruchtig daher kommen oder wohlriechend blumig, gelegentlich nussig, getreide- beziehungsweise karamellartig. Farbe und Aussehen variieren von klar über Opal bis trüb.

Arno Zischofsky ist angetan vom strohgelben Lagerbier der spanischen Brauerei San Miguel, das er mit Sonne, Strand und Urlaub verbindet. „Es ist ein klares Bier mit cremigem Schaum, das nicht aneckt und ideal zu Pizza, Pasta und Paella passt“, pflichtet Meinhard Wicht ihm bei und fügt hinzu, dass es sich bei Lager um jene untergärige Vollbiersorte handelt, mit der weltweit der höchste Umsatz gemacht wird. Als fruchtig nehmen die Tester das helle Bier der Kölner Hofbrauerei von Peter Josef Früh wahr, beim Bitburger fällt ihnen die höhere Perlung der Schaumkrone mit den bernsteingoldenen Einschlüssen auf, aber auch dessen höhere Bittere.

Bilder vom Bierfest auf dem Aliceplatz

Bierfest auf dem Aliceplatz

Am weithin sichtbaren Mühlenstand der Oberlausitzer Bergquell Brauerei aus Löbau wird Porter ausgeschenkt – ein Schwarzbier von malzigem bis röstmalzbetontem Geschmack. Seinen Ursprung hat es im England des 18. Jahrhunderts und war insbesondere bei den Lastträgern beliebt, daher der Name Porter. Hannelore Schreier ist begeistert von den fruchtigen Varianten dieses Bieres, das dank des samtig-süßen Geschmacks frischer Erdbeeren oder Herzkirsche-Aromen als Grundstoff für Desserts, etwa Tiramisu, zu empfehlen ist.

Wicht hat noch einen speziellen Tipp zum Abschluss parat: Porter Bier mit Vanilleeis – eine nachahmenswerte Eiskaffee-Variante und perfekt an einem heißen Tag wie diesem. Wohl bekomms!

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