Profi-Verkoster gibt Tipps

Bierfest: Die Kunst des Trinkens

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Auch viele Frauen können sich für das kühle Hopfengebräu begeistern: Der Bier-Sommelier Meinhard Wicht (links) erklärt den Tour-Gästen auf dem Aliceplatz, wie sie ihr Lieblingsgetränk in Zukunft bewusster genießen können.  

Offenbach - Ein kühles Bier stillt den Durst. Doch es kann noch mehr. Beim diesjährigen Offenbacher Bierfest erläutert der Bier-Sommelier Meinhard Wicht, dass der Konsum des Gerstensafts ein echter Genuss sein kann – wenn man es denn richtig anstellt. Von Sarah Neder 

Treffpunkt: Augustinerstand. Meinhard Wicht, Glatze, randlose Brille, Genießerbauch, eilt an einen Stehtisch. Dort im Schatten warten sie schon, seine Schüler. In den nächsten eineinhalb Stunden sollen sie lernen, was er schon nicht mehr sein lassen kann: Bier trinken mit allen Sinnen. Seit 2011 ist Wicht ausgebildeter Bier-Sommelier, mag und trinkt jede Sorte, Tabus gibt es nicht. Selbst Light-Bier sei okay, sagt er. Auch seit vier Jahren führt er über das Offenbacher Bierfest, lässt kosten, erklärt Geschmacksnuancen. Unter Wichts Arm klemmt ein Einkaufskorb, er nimmt zur Hälfte gefüllte Einmachgläser heraus und lässt sie einmal reihum gehen. Malz, Karamalz, normaler Hopfen und welcher mit Zitrusduft: Sensibilisierung der Nase, Vorbereitung auf das, was gleich kommt.

Sechs verschiedene Sorten hat Wicht ausgewählt, um Bier in seiner ganzen Bandbreite zu präsentieren: Weizen und Pils, Dunkles und Helles, Kölsch und Alt. Doch bevor das Gebraute in die durstigen Rachen fließt, lehrt der Profi-Verkoster „die Kunst des Trinkens“, wie er sagt. Dabei steht das „Trinken“ ganz am Ende seines Rituals. Zunächst packt Wicht das tulpenförmige Glas am Stiel, reckt es in die Luft und beäugt den Inhalt. „Tolle Farbe. Elfenbein“, sagt er, und die Tour-Teilnehmer, darunter auch Gewinner einer Verlosung unserer Zeitung, staunen und nicken. Zweiter Schritt: ins Bier hören. „Manchmal will es mit einem reden“, meint Wicht, dreht seinen Kopf und steckt sein rechtes Ohr ins Glas. Nun das Riechen. Das Bier schwenkend schnappt der Sommelier seinen Duft auf. Die anderen tun es ihm nach. Und dann die Kür: das Bier richtig in den Mund kippen. Das klingt nur für Amateure profan. Wicht beobachtet die Verkostungsgäste und rät, das Getränk nicht schwungvoll in sich hinein zu schütten, sondern es langsam auf der ganzen Zunge zu verteilen. Der studierte Brautechniker macht’s vor, nippt nur mit spitzem Mund. Alle anderen ziehen nach.

Im Zick-Zack von Stand zu Stand, vom Aliceplatz bis zum Stadthof, hüpft der Sommelier samt Gruppe über das Bierfest. Dank der kleinen Gläser lallen die Tour-Teilnehmer nicht schon nach Bier Nummer drei. Je 0,1 Liter dienen nur zum Probieren, nicht zum Betrinken. Dazwischen rät der Fachmann, Wasser zu trinken. Gemeinsam entdeckt die Gruppe die Aromenwelt aus dem Glas: Bier kann zitronig, säuerlich, trocken, nach Banane, süß oder schmal schmecken. Was Fans des Gerstensafts sonst als lecker oder nicht lecker kategorisieren, reicht bei der Verkostung nicht aus. Bier als Genuss abseits der Kneipe zu verstehen, ist die Devise. Eine Stange Kölsch als Partner zum Salat, ein Glas Urstoff als Begleiter zum saftigen Steak. Neben den einzelnen Brauverfahren hat Wicht für die Teilnehmer nützliche Hinweise: „Wenn Sie zu Hause mal ein Bier kosten wollen, nehmen Sie ein dünnwandiges Glas mit Stiel, zum Beispiel ein Rotweinglas. Kippen Sie nur zweifingerbreit ein. So kann sich das Aroma gut entfalten“, empfiehlt er.

Bilder vom Bierfest 2013

Bierfest auf dem Aliceplatz

Außerdem warnt der Feinschmecker vor schwarzen Schafen unter Gastwirten. Ein Pils ohne Schaumkrone, in Fachkreisen der Feldwebel, würde er sofort zurückgehen lassen, rät er. Ein ebenso großes No-Go sei, wenn Wirte an ihrer Zapfanlage die sogenannte Schaumtaste betätigten. Drücke man gegen den Hebel, sprudele das Bier samt Sauerstoff ins Glas. Dabei entstehe kein schöner Schaum, und Bakterien könnten in den Zapfhahn und somit auch in das Getränk gelangen, erklärt Wicht. Dann rät der Kenner ebenfalls zum Protest. Auch wenn das Bier nur den Durst löschen soll.

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