Bildschirmmonster abschießen

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HfG-Rundgang durch Offenbach: Interaktiv, schrill und weit verstreute Ausstellungsorte. Hier: "Stigma" von Jonas Englert

Offenbach - Der 14. Rundgang der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) am Wochenende konnte wörtlich verstanden werden. Denn schließlich waren zahlreiche Ausstellungshallen für die Besucher geöffnet, die weit über das Gebiet der nördlichen Innenstadt verteilt lagen. Von Claus Wolfschlag

Man konnte also den Kunstbesuch spielend mit einem ausgiebigen Spaziergang oder einer Stadtbesichtigung verbinden. So waren im HfG-Projektraum beim Hauptbahnhof Bildhauer-Arbeiten zu betrachten. Das Atelierhaus an der Geleitsstraße 103 zeigte über mehrere Stockwerke experimentelle Raumkonzepte, Grafikdesign und Malerei.

Naheliegend war danach ein Gang durch den dritten Stock des Einkaufszentrums „ KOMM “ am Aliceplatz, in dem vor allem Videoinstallationen und typographische Arbeiten zu sehen waren. Experimentelle Tanzvideos, etwa „Freiraum“ von Kyung-Ho Sun oder „Wir Götter Der Stadt“ von Mattis Kuhn, konkurrierten mit Zeichentrickstreifen. Unter letzteren zog vor allem Linda Horns „Von mir“ Besucher an, in dem Haribo-Bären als Luftballons zur Decke flogen und auch mal ein Blick unter den Damenrock riskiert wurde. Unter den Typographien überzeugten Ellen Wagners nostalgisch anmutende Plakate. Und eine titellose begehbare Minibox voller Fotos von Janine Maschinsky diente Besuchern als Knipskulisse.

„Rosen aus dem Paradies“

Ruhig ging es in der Ölhalle am Hafen zu, in der teils beeindruckende Großmalerei präsentiert wurde. Von Dirk Baumanns abstrakten, dreidimensional strukturierten Farbkompositionen reichte die Palette bis zu gegenständlichen Arbeiten, etwa von Kosta Tsobanidis oder Tobias Kasan. Anne-Kathrin Huisken zeigte meisterhafte Meeresstrand-Motive und das Gemälde eines „Hans im Glück“ mit Bermuda-Short und Gans. Von den 1. Preisträgern des Dieter Haack- Preises 2011 Dorothee Diebolds war in der Halle das dreiteilige Großformat „Rosen aus dem Paradies“ zu sehen. Das sinnliche Gemälde kombinierte in Pastelltönen Frauenakte mit Blumenmotiven. Mit-Preisträgerin Song-Nyeo Lyoo steuerte im kleinteilig-asiatischen Stil konzipierte Fäkaldarstellungen bei. Die Kotflüsse waren indes so ästhetisiert, das sich keinem der teils mit Knabbereien ausgestatteten Besucher der Magen umdrehte.

Bilder vom HfG-Rundgang

Viel Kunst in Offenbach beim HfG-Rundgang

Im „Hafen2“ betrachteten nur vereinzelte Besucher die Entwürfe Darmstädter und Wuppertaler Studenten für den Neubau des Kulturzentrums. Ganz im Kontrast dazu stand der belebte HfG-Campus mit seinen umliegenden Gebäuden, der zweifellos nicht nur aufgrund der 13. „CrossMediaNight“ am Freitag und der 7. Filmnacht am Samstag als Publikumsfokus fungierte. Zahlreich war das Filmangebot. Beispielsweise Lin Nan Zhangs Tanzfilm „Urban Song“ lockte faszinierte Besucher in den für Kurzfilme eingerichteten Raum 09. Bereits im Treppenfoyer präsentierte Jonatan Schwenk mittels eines „making of“ die Entstehung seines Stoptrick-Animationsfilms „maison sonore“. Der Streifen zeigt das Leben von Großstädtern in einem anonymen Gebäude mit tristem Alltag und mangelndem Kontakt zu den Nachbarn. Neun Monate hat er für die 4 Minuten und 44 Sekunden gebraucht. „Ich sehe eigentlich gar nicht viele Filme, und andere Leute haben vom Filmmetier viel mehr Ahnung als ich“, erklärte er bescheiden. Dennoch scheint ihn das Filmemachen nicht loszulassen, denn schon in der Schule hatte er eine AG mit Knetfigurenarbeiten gegründet.

Von den Licht-Ton-Installationen fand vor allem die Arbeit „Contact“ von Valentin Oeller und Nikolas Schmid-Pfähler ihr Publikum, ebenso „Atempause“ von Lisa Hopf. Interessante Exemplare unterschiedlichster Arbeitsweisen konnten aufmerksame Besucher in den Treppenhäusern und Nebenräumen entdecken. Fabia Pospischil setzte sich in „Niemandsländer“ grafisch und textlich mit Familien- und Jugendbegebenheiten auseinander. Dies allerdings in einem abwertenden, teils erschreckend von Abscheu und Hass geprägten Kontext. Anne Schoth präsentierte mit „Mode ist ein Spielzeug“ eine kreative Kollektion. Eine Reihe aus Acrylglas-Arbeiten zeigte anrührend neuinterpretierte Märchenmotive, darunter Judith Shu Ritters „Frau Holle“, Christiane Toschs „Vom Fischer und seiner Frau“, Henrik Petersens „Hase und Igel“ sowie Isabel Scheids „Die Rattenfängerin“.

Preis für deutsch-chinesischen Kulturaustausch

In einem Zwiischenraum präsentierte sich die „Projektplattform Duchroth“. Die Pfälzer Gemeinde kooperiert seit Jahren mit der HfG hinsichtlich der künstlerischen Aufwertung des Orts- und Landschaftsbildes. Heraus kamen teils zweifelhafte Arbeiten, wie die Abdeckung von Bodenfläche mittels Dachpappe, wie auch solcher mit echtem Verschönerungspotenzial - Platzierungen von Findlingen und Kunstfragmenten, Herstellungen von Info-Rahmen, Aufwertungen eines Spielplatzes durch Weidengeflecht und Planungen für ein neues Dorf-Kulturhaus. „Der Ort ist auch eine Riesen-Spielwiese, schon aufgrund der Dimensionen im öffentlichen Bereich“, erläuterte der am Projekt beteiligte Daniel Stern.

Die Aula zeigte sich angefüllt mit Produktdesign. Darunter befanden sich Studien zu dem Projekt „Kaffee 2020“, unter anderem mit dem Konzept eines transportablen und eines an der Wand installierten Kaffeeautomaten. Mit „Guerilla Gardening“, also flexiblen Möglichkeiten der Gartenanlage, beschäftigten sich Arbeiten von NA-Young Kwak und Emily Laird.

Im Keller fanden teils barocke Bühnenbildentwürfe für die „Die Möwe“ von Anton Cechov und das Medea-Projekt ihre Liebhaber. Bei den Besuchern beliebt waren interaktive Installationen. So kombinierte etwa die Arbeit „Schloss Invader“ das Tischtennis- mit einem Computerspiel. Mit dem Ball mussten auftauchende Bildschirmmonster abgeschossen werden.

Kein Rundgang ohne Preisverleihungen: So ging der DAAD-Preis für hervorragende Leistungen ausländischer Studierender an Jian Xu für dessen Engagement zum deutsch-chinesischen Kulturaustausch. Den mit 2500 Euro dotierten Dr. Marschner-HfG-Rundgangpreis erhielt Produktgestalterin Annalena Kluge.

Und wem nach all der Wanderei, Spielerei und Preisverleiherei der Magen brummte, der konnte sich bei einem Asia-Stand im Westflügel an koreanischem Schulbrot aus Reis in Form eines Bärenkopfes laben.

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