Frühe Hilfe entscheidend

Offenbach - EBO. Das erinnert an Doping oder eine Infektionskrankheit. Die drei Buchstaben reihen sich ein in den Abkürzungszwang und stehen in diesem Fall für „Erziehung und Bildung in Offenbach“. Von Martin Kuhn

118 Seiten mit Zahlen und Fakten, die die Fachleute sicher unterschiedlich interpretieren. Für Politik und Verwaltung ist es gleichermaßen Leitfaden und Beleg, dass sie unter schwierigen Bedingungen einen guten Job machen. Darauf wollen sich die Protagonisten keinesfalls ausruhen. Stadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP) verknüpft das mit einer neuerlichen Forderung an die Landesregierung.

Es ist ein komplexes Thema, ein Vergleich zur Medizin sei daher erlaubt. Wenn man raucht und hohen Blutdruck hat, ist die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts gegeben. Als Risikofaktoren für eine gute Bildung sehen die Offenbacher Fachleute Armut und einen so genannten Migrationshintergrund, sprich: ausländische Wurzeln. Um es vorsichtig zu formulieren: Das verwundert nicht. Ebenso wenig die Tatsache, dass der Index sozialer Belastung – so heißt das tatsächlich – in der Innenstadt (Eichendorffschule 200,5) ungleich höher ist als in den ehemals selbstständigen Orten (Ernst-Reuter-Schule, 105,4). Weiß: „Da gibt’s für Ortskundige keine Überraschungen.“

Wozu braucht es dann den Bericht? Nun, er zeigt Probleme und Defizite auf und lässt in gewissem Umfang auch Rückschlüsse zu, ob die entwickelten Lösungen fruchten. Wichtig: Heute weiß nahezu jeder, was der andere tut, eine „unkoordinierte Bildungslandschaft“ gebe es nicht mehr, so der Freidemokrat. Vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse des EBO 2011: „Je länger die Kinder eine Kindertageseinrichtung besuchen, desto seltener weisen sie Sprachauffälligkeiten auf. Je länger Kinder mit Migrationshintergrund eine Kindertageseinrichtung besuchen, desto besser sind ihre Deutschkenntnisse.“

Hohe Schülerzahlen gepaart mit sozialer Belastung

Und die „Betreuungs- und Bildungskette wird kontinuierlich verbessert“, freut sich Bürgermeisterin Birgit Simon (Grüne). Dazu bedarf es weiterer finanzieller Mittel. Bekanntlich wächst die Stadt Offenbach gegen den demografischen Hessen- und Bundestrend: Mehr Kinder bedeuten mehr Grundschüler, mehr Berufsschüler und auch mehr Gymnasiasten. „Das ist leider beim Land noch nicht angekommen“, beklagen Simon und Weiß unisono eine fehlende finanzielle Unterstützung aus Wiesbaden. Da genügt eine Zahl aus dem Bericht zum Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung: „Um zukünftig ein bedarfsdeckendes Angebot vorhalten zu können, müssen, bei gleichbleibender Kinderzahl, noch 199 zusätzliche Kindergartenplätze geschaffen werden.“

Hohe Schülerzahlen gepaart mit sozialer Belastung: Das setzt sich fort bis in die weiterführenden Schulen. So gibt es beispielsweise in Offenbach seit Jahren 40 Lehrkräfte zusätzlich für Förderangebote – und eigentlich fehlen weitere. Dabei endet die Förderung mit dem Verlassen der Schule keineswegs – etwa bei den 95 Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss. Es gibt dichte Netze für die Nachqualifizierung, „aber das bedeutet einen erheblichen Aufwand“, weiß Birgit Simon.

Daher pflichtet ihr Dr. Peter Bieniussa vom Staatlichen Schulamt bei: „Eine größere Hilfe wäre notwendig.“ Während er sich mit Forderungen an die Adresse seines Dienstherrn zurückhält, übernehmen das einträchtig die Offenbacher Schul- und Sozialdezernenten: „Eine Stellen- und Finanz-Zuweisung nach einem Sozialindex würde uns helfen.“ Dabei zeichnen sich die nächsten Probleme bereits ab. Der Zuzug von „Seiteneinsteigern“ (schulpflichtige Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse) nach Offenbach steigt jährlich. Mehr als 100 wurden seit Beginn des Schuljahres 2011/2012 neu in der Lederstadt angemeldet –hauptsächlich aus Rumänien und Bulgarien. „Die Beschulung dieser Gruppe ist besonders zeitintensiv und stellt hohe Anforderungen an die Bildungssituation“, heißt es in dem Bericht.

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