Bildungs- und Betreuungstempel im Hafen

Keine billigen Schulträume

Zweistöckig zum Hafenbecken hin, dahinter fungieren fünf Stockwerke (teils verdeckt) als Lärmriegel zum Nordring: Die neue Hafenschule glänzt mit viel Glas und Klinker.

Offenbach - Gesamtkosten für den Bildungs- und Betreuungstempel im Hafen überschreiten die 30-Millionen-Grenze. Eine von zwei Sporthallen wird auch „Dojo“ für die Zweitliga-Judokas von Samurai. Von Thomas Kirstein 

Die Stadtverordneten dürfen während ihrer nächsten Sitzung für Offenbach in mehrfacher Hinsicht Historisches auf den konkreten Weg bringen: den ersten Bau einer neuen zusätzlichen Schule seit 36 Jahren, die teuerste örtliche Schule aller Zeiten, den ersten Schulbau, der von Bauherren zur Bedingung für ihre künftigen Investitionen gemacht wurde.

Zu beschließen ist der detaillierte „Projekt- und Vergabebeschluss“ für die Hafenschule – eine Grundschule für sechzehn Klassen mit zwei Ein-Feld-Sporthallen und einer Kindertagesstätte. Anschließend kann die Stadt-Tochter Offenbacher Projektentwicklungs-GmbH (OPG) loslegen. Grundlage ist der 2011 vom Darmstädter Büro Wächter & Wächter erarbeitete Siegerentwurf eines Architektenwettbewerbs.

Der vorgesehene Standort von Grundschule und Kita an der Hafentreppe. Direkt am Nordring sind die übereinander liegenden Turnhallen, Verwaltungs- und Fachräume vorgesehen. Dieser „Riegel“ soll den überwiegenden Teil des Autolärm vom Nordring schlucken. Damit sind die Tage des ehemaligen Lokschuppens (Hafen 2, gelb) gezählt. Er fällt als erstes. Das Bild in der Großansicht.

Die Kosten werden im Dezernat von Oberbürgermeister Horst Schneider offiziell und inklusive eines vierprozentigen Polsters für Unvorhergesehenes auf 26,6 Millionen Euro geschätzt. Erste Planungen nach dem Grundsatzbeschluss von 2010 hatten noch um die 28 Millionen vorgesehen – bis der Regierungspräsident intervenierte: Die Kommunalaufsicht verlangte, sowohl alternative Standorte im Nordend als auch unterschiedliche Bauvarianten zu prüfen. Beim Ort bleibt’s, auf eine Tiefgarage wird ebenso verzichtet wie auf kostspieligere Energiestandards. OB Schneider weist darauf hin, dass sich die daraus resultierenden Einsparungen unter dem Strich in Grenzen hielten, weil die erzwungene Verzögerung des Baubeginns das Projekt verteuerte.

Nun sind aber die 26,6 Millionen nicht die ganze Wahrheit: Es fehlen die Kosten für den Erwerb des Grundstücks von der stadteigenen Mainviertel-GmbH. Ein Schnäppchen ist das Geschäft zwischen Mutter und Enkelin nicht. Der OB räumt ein, dass nochmal fünf Millionen Euro für 7000 Quadratmeter draufkommen könnten. Der Boden im Hafen ist inzwischen teuer geworden.

Hafen 2 wird zehn Jahre alt

Somit entsteht faktisch ein 30-Millionen-Projekt zwischen Nordring und Hafenbecken, dort wo noch der alte Lokschuppen steht: ein bis zu 19,5 Meter hoher fünfgeschossiger Fachklassenbau, zwei übereinander liegende Hallen, zweigeschossige, wie Kammzinken um ruhige Innenhöfe herum angeordnete Trakte für 16 Klassen und neun Kindergartengruppen. Die Tagesstätte wird weitgehend durch fünf Millionen Euro aus einem Regionalfonds finanziert; andere von Fluglärm betroffene Kommunen dürfen sich mit ihrem Anteil Zusätzliches gönnen, Offenbach muss ihn in bereits Beschlossenes stecken.

Zu 90 Prozent profitierten von der Hafenschule die Kinder des benachbarten Nordends, betont Horst Schneider. Die bisher für das Gebiet zuständige Goetheschule platzt seit 2011 aus allen Nähten. Nachdem das Land die Klassenstärke auf 25 Kinder beschränkt hat, sind pro Jahrgang neun statt wie bisher sechs Klassen notwendig. Auch für die vorschulische Betreuung werden in Zukunft neue Plätze benötigt: deshalb die angeschlossene Kindertagesstätte.

Angrillen im Hafengarten

Angrillen im Hafengarten

Zu dieser Notwendigkeit aus städtischer Sicht gesellt sich eine, die in Zusammenhang mit der Entwicklung des Hafens zum Gewerbe- und Wohngebiet steht. Investoren wie der Frankfurter Andrzej Lyson, der das „Quartierszentrum“ errichtet, haben ihr Engagement davon abhängig gemacht, dass dort eine neue Schule steht. Der OB freut sich, dass Bauherren sich mit der durch Beschlüsse besiegelten Absicht begnügten und nicht auf die – wegen der RP-Einsprüche und diverser Haushaltsquerelen um zwei Jahre verzögerte – Fertigstellung pochten.

Horst Schneider relativiert die Kosten des Projekts mit weiteren Fliegen, die diese eine Klappe schlägt: Es gibt Räume für ganztägige Arbeit, für Hortbetreuung und Jugendhilfe; und es stellt ein Stück aktive Sportförderung dar. So bekommt Offenbachs in der zweiten Bundesliga kämpfender Judoclub Samurai endlich sein lang ersehntes „Dojo“. Die flachere Halle im Obergeschoss wird dauerhaft mit Matten für die Kampfsportler ausgelegt, die Grundschüler betreiben dort „Barfußsport“.

Mehr zum Thema

Kommentare