Billig-Welpen im Verkauf

Das Geschäft mit dem großen Tier-Elend

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In Käfigen werden sie durch Europa transportiert: Beim illegalen Handel mit Hundewelpen geht es um viel Geld. Viele der Tiere sind so krank, dass sie schon beim Transport sterben Staffordshire Bullterrier-Welpen, die aus einem Tiertransporter gerettet wurden, ruhen sich in einem Tierheim in Nürnberg aus. Zollbeamte hatten 77 Tiere sichergestellt.

Offenbach - Schüchtern und verschreckt die einen, schon ganz neugierig und aufgeweckt die anderen: 74 neue Welpen befinden sich seit der vergangenen Woche im Nürnberger Tierheim. Die Hunde stammen aus einem illegalen Transport, der aus der Slowakei nach Spanien gehen sollte. Von Lena Marie Jörger 

Zollbeamte stoppten den Wagen auf der Autobahn, wie aus einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa hervorgeht. Das Geschäft mit sogenannten Billig-Welpen brummt: Professionelle Händler verdienen nach Angaben von Tierschützern Zehntausende Euro mit einem Transport. Die Leidtragenden sind die Tiere und ihre späteren Besitzer.

„Die Welpen sind oft krank, weil sie nicht richtig geimpft wurden“, warnt Conny Bauer vom Offenbacher Tierheim. Auch sie kam schon mit Welpen in Kontakt, die möglicherweise aus illegalen Verkäufen stammten. „Genau wissen wir das aber meist nicht, wir können nur spekulieren.“ Erst im Februar hätten zwei Jungs einen jungen Hund vorbeigebracht. „Als sie sagten, er sei ihnen zugelaufen, waren wir sehr misstrauisch“, erinnert sich Bauer, „schließlich laufen Welpen ja nicht einfach so von der Mutter oder dem Besitzer weg.“

Viele der illegalen Händler trennen die Welpen viel zu früh von ihrer Mutter. Auch die Tiere aus dem Nürnberger Transport waren gerade einmal vier Wochen alt – zu jung für so eine anstrengende Reise. Zwei Hunde sind bereits gestorben, und auch für die anderen gibt es noch keine Entwarnung. „Viele Käufer lassen sich auf solche Angebote ein, weil ihnen die Verkäufer keine Fragen stellen, anders als ein Züchter, der genau wissen möchte, an wen er das Tier gibt“, mutmaßt Bauer. „Auch Tierheime prüfen genau, ob Interessenten in Frage kommen, und können in bestimmten Fällen auch ablehnen. Das ist bei illegalen Käufen nicht der Fall.“

„Rassehunde sind einfach sehr begehrt“

Birgit Thiesmann von der Hamburger Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ ergänzt: „Rassehunde sind einfach sehr begehrt, und der Handel hat auch durch das Internet extrem zugenommen.“ In den vergangenen drei Jahren habe sich die Lage deutlich verschlimmert. Das Gleiche beobachten Tierheim und Zoll. „Transporte in solchen Dimensionen gab es früher nicht“, sagt eine Sprecherin der Nürnberger Behörde. Die Region sei ein Schwerpunktgebiet für solche Transporte aus Ost- nach Süd- und Westeuropa. Und doch sind Funde wie der jüngste Zufallstreffer. „Man schätzt, dass jeden Tag ein Transport über die Grenze geht“, sagt Marcus König vom Tierschutzverein Nürnberg.

Vor zwei Jahren wurde in der fränkischen Stadt der erste große Transport mit 92 Welpen hochgenommen. Im vergangenen Jahr wurden mehrere kleine Fuhren mit insgesamt 74 Welpen entdeckt. Ende Februar stieß der Zoll auf der Autobahn auf einen Transporter mit 37 Welpen und zehn Katzen. Wenige Tage später der Fund der 76 Welpen – darunter fast 20 Rassen vom Yorkshire-Terrier bis zum sogenannten Kampfhund. Der Zustand der Hunde ist oft extrem schlecht. „Krank sind die eigentlich alle“, erzählt Thiesmann. Die Präsidentin des Nürnberger Tierschutzvereins, Dagmar Wöhrl, sagt: „Viele dieser Welpen überleben nicht einmal ein Jahr. Ohne Behandlung haben sie keine Chance.“ Von dem Transport mit 92 Welpen sind 24 Tiere gestorben. Die Versorgung der neuen Welpen inklusive Tierarzt kostet das Tierheim derzeit rund 5 000 Euro am Tag.

Zustand der Hunde oft extrem schlecht

Einige der Hunde müssten noch gesäugt werden. „Eigentlich sollten Welpen zwischen acht und zwölf Wochen alt sein, wenn sie weg gegeben werden“, erklärt Isabell Althoff vom Tierheim Hanau. „In der Zeit nach der Geburt werden die Tiere sozialisiert. Wenn ihnen das genommen wird, können sie später Verhaltensprobleme entwickeln.“ Auch ihre Offenbacher Kollegin Bauer betont: „Wenn’s dumm läuft, holen sich Käufer also einen todkranken und noch dazu schwierigen Hund ins Haus, nur weil der Preis so niedrig war.“ Tierschützer warnen daher eindringlich davor, sich einen solchen „Billig-Welpen“ anzuschaffen. „Jeder, der so einen Hund kauft, unterstützt den illegalen Welpenhandel. Das ist eine Frage von Angebot und Nachfrage“, betont Birgit Thiesmann.

Die Tierschützer von „Vier Pfoten“ haben in einer Studie den Handel mit Rassehunden untersucht. „Das ist ein Millionengeschäft über ganz Europa hinweg“, resümiert Thiesmann. Die meisten Tiere kämen aus Tschechien, Ungarn, Polen, Rumänien und der Slowakei. Dort würden sie in Massenzuchten „produziert“ oder im Keller vieler einzelner Privatleute. „Die investieren dort nicht in die Tiere, die kriegen kaum Futter und keine Impfungen. Medikamente liegen im Dreck. Das sind oft fürchterliche Zustände, das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Verkauft würden die Hunde vor allem in den westlichen EU-Ländern wie Spanien, Frankreich, Italien, aber auch in Deutschland und Großbritannien. Kostet hierzulande ein Rassehund um die 1500 Euro, werden „Billig-Welpen“ oft für wenige hundert Euro abgegeben.

Was für ein Mordsgeschäft das für die Händler ist, kann man sich leicht ausrechnen. „So ein Dealer kauft einen Hund für 30 bis 100 Euro ein und verkauft ihn für 250 bis zu 1 000 Euro“, sagt Thiesmann. Beispielsweise an einem Chihuahua-Welpen verdient ein Händler laut „Vier-Pfoten-Studie“ rund 760 Euro. Die Umschlagplätze sind vor allem Belgien und Holland. In den Niederlanden könnten die Tiere legal „umgechipt“ werden. „Dann ist nicht mehr nachvollziehbar, wo sie herkommen“, erklärt Thiesmann. In vielen EU-Ländern könne man die Welpen in Zoohandlungen kaufen, aus Kofferräumen heraus oder übers Internet.

Um diesen Handel zu beenden, fordern die Tierschützer eine Kennzeichnungspflicht und ein europaweites Zentralregister. Auch die Strafen für die Händler müssten härter werden. Das Wiener Landesgericht habe in der vergangenen Woche ein Pärchen zu acht Monaten Haft und 16 Monaten auf Bewährung verurteilt. „Erst hier fängt es an, weh zu tun“, sagt Thiesmann.

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