Bingen als Wunschziel

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Aufmerksam lauschten die Austauschschüler der Begrüßungsrede. Am Montag geht es für sie zurück in Richtung Heimat.

Offenbach - Kita-Besuch, Klettergarten, Musik- und Tanzworkshops im Jugendzentrum, Stadtrallye – 22 Jugendliche aus Japan erleben dieser Tage ein buntes Freizeitprogramm. Von Jenny Bieniek

Sie sind im Zuge der deutsch-japanischen Jugendbegegnungen, die von den Jugendämtern in Offenbach und der Partnerstadt Kawagoe organisiert werden, zu Gast in der Lederstadt.

Andrea Sennlaub ist zusammen mit Tochter Rabea (16) ins Rathaus gekommen, um die Gäste aus Fernost willkommen zu heißen und ihren Schützling abzuholen. Auch Gastvater Arnd Retat und Tochter Anna-Lisa (16) sind gespannt auf „die Neue“. Name, Alter, Hobbys, Familiengröße, Haustiere – mehr wissen die Gastfamilien meist nicht von ihren Mitbewohnern auf Zeit. Die befreundeten Familien nehmen bereits zum zweiten Mal einen Austauschschüler bei sich auf und kennen sich mit den Gepflogenheiten aus.

Zahlreiche Gastgeschenke für Familien

„Die kommen für sechs Tage, bringen aber Gepäck für sechs Wochen mit“, lacht Arnd Retat. Dafür hätten die jungen Japaner aber meist zahlreiche Gastgeschenke dabei. Ob Wandvorhänge, von Oma bemalte Fächer oder Kalender – „das ist immer wie Bescherung“.

Andrea Sennlaub hat extra noch Schokolade und Haribo besorgt – „da stehen sie total drauf“, verrät die Offenbacherin. „Sie“, das sind in diesem Jahr 22 japanische Jugendliche zwischen 14 und 15 Jahren, die bis zum 27. August Offenbach und Umgebung erkunden.

Austauschschülerin Karen hat via E-Mail bereits angekündigt, was sie in Deutschland auf jeden Fall sehen will: Die Villa Sachsen in Bingen soll es sein. „Die kannte ich bislang selbst nicht“, lacht Sennlaub. „Ich weiß gar nicht, wie sie ausgerechnet auf diese Idee kommt“, aber der Rhein biete sich als Ausflugsziel ja ohnehin an. Eine Fahrradtour zur Käsmühle oder zum Goetheturm sei ebenfalls denkbar.

Stilles Wasser und Lactoseunverträglichkeit

Dass Lactoseunverträglichkeit in Japan weit verbreitet ist, wissen die Gasteltern bereits. Ebenso, dass der japanische Magen nicht an kohlesäurehaltiges Wasser gewöhnt ist und die stille Variante bevorzugt wird.

Bereits seit 1983 unterhält Offenbach die Partnerschaft mit Kawagoe. Wegen des Atomunglücks in Fukushima 2011 wurde der Gegenbesuch beim letzten Mal auf Eis gelegt. Ob er diesmal stattfindet, wollen die Organisatoren bald entscheiden.

Als Jugendamtmitarbeiter Dr. Michael Koch kurz nach der Ankunft der weitgereisten Gruppe im Rathaus die Begrüßungsrede hält, zeigt sich die viel gelobte japanische Disziplin. Regungslos sitzen die Austauschschüler da. Das Glas in der einen, die Flasche in der anderen Hand, lauschen sie den – für deutsche Ohren ungewohnt leisen – Worten der Übersetzerin.

Vorstellen und Kennenlernen

Niemand trinkt, niemand tuschelt. Erst als Koch fertig ist, erwachen ihre Glieder wieder zum Leben. Dann geht es ans Kennenlernen der Gastfamilie. Während die ersten aufgerufen und ihren Gastgebern vorgestellt werden, wird in den hinteren Reihen noch schnell das deutsche Händeschütteln geübt. Auch die Deutschen zeigen mit angedeuteten Verbeugungen, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht haben.

Andrea Sennlaub empfindet die Jugendlichen aus Japan als „pflegeleicht und immer sehr höflich“. Allerdings: „Wenn sie von ihrem Tagespensum daheim berichten, ist unser G8 dagegen ein Lacher“, findet Vater Retat. Unterricht bis in den späten Nachmittag, danach Sport. „Da würden unsere Kinder zusammenbrechen.“ Und: „Die Familie daheim in Japan erwartet Mitbringsel, deshalb kaufen die Schüler immer wie blöd Souvenirs“, weiß der Familienvater. 2010 habe man am letzten Abend noch schnell den Kaufhof aufsuchen müssen, weil einige Präsente fehlten – „und dort trafen wir einige der anderen, die auch fieberhaft nach Last-Minute-Geschenken suchten“, erzählt er.

Das ganze Haus abfotografiert

„Unsere letzte Besucherin hat vor ihrer Abreise noch unser ganzes Haus abfotografiert – inklusive ungeliebter Schmutzecken. Das war meiner Frau und mir sehr peinlich“, erinnert sich Retat inzwischen sichtlich amüsiert. „Das sieht ja jetzt ganz Japan!“ Warum sie das alles mitmachen? „Weil es eine schöne Zeit war und viel Spaß gemacht hat das letzte Mal“, sind sich die Familien Retat und Sennlaub einig. „Die Schüler sollen sich wohlfühlen und einen guten Eindruck von Deutschland bekommen.“ Zur Begrüßung gibt es zum Abendessen bei Sennlaubs gleich etwas typisch Deutsches: Kartoffelsalat und Würstchen.

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