Streit um die Biotonne

Verbrennen oder vergären ?

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Seit 1999 gehört das Müllheizkraftwerk an der Dietzenbacher Straße der EVO. Dort könnte auch Biomüll verbrannt werden, was unter Effizienz-Gesichtspunkten mindestens gleichwertig mit einer Vergärung sei, sagt ein Unternehmenssprecher.

Offenbach - Die Einführung der Biotonne zum 1. April 2014, das sind die unbestreitbaren Fakten, ist gesetzlich vorgeschrieben und unter dem Gesichtspunkt der Müllverwertung wünschenswert. Von Matthias Dahmer

Dann geht’s aber schon ans Relativieren: Zum Wie und Wo der Tonne müssen ebenso Fragen geklärt werden wie zu den Kosten für den jeweiligen Haushalt. Ein bislang vernachlässigter Aspekt, auf den die Politik immer wieder mal hingewiesen hat, sind die Folgen weiterer Abfalltrennung für die Auslastung des Offenbacher Müllheizkraftwerks. Die Energieversorgung Offenbach (EVO), welche die Anlage an der Dietzenbacher Straße betreibt, so heißt es, bekomme es finanziell zu spüren, wenn dort weniger Müll angekarrt werde. Und das schlage sich in des Bilanz des Unternehmens nieder, das fast zur Hälfte auch der Stadt gehört. Realistisches Szenario oder Panikmache? EVO-Sprecher Harald Hofmann kann zunächst beruhigen. Die prognostizierte Menge von 4 200 Tonnen Offenbacher Biomüll pro Jahr, welche dem Heizkraftwerk fehlen würde, falle nicht sonderlich ins Gewicht. „Bei einer Gesamtkapazität unseres MHKW von annähernd 250 000 Tonnen im Jahr reden wir von 1,7 Prozent unseres Gesamtvolumens“, rechnet Hofmann vor.

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Gleichwohl gilt für ihn: „Jede Tonne, die wegfällt, macht sich im Umsatz und im Ergebnis der EVO bemerkbar.“ Den Ausführungen des Unternehmenssprechers ist indes zu entnehmen, dass der vermutlich geringfügige Rückgang der verbrennbaren Mengen ihn weniger beschäftigt als ein anderer Umstand: Dass die Stadt offenbar ausschließlich auf die Vergärung des Biomülls setzt und Gespräche über eine ebenso mögliche Verbrennung bislang überhaupt nicht in Betracht gezogen wurden. Hofmann: „Wir weisen darauf hin, dass die energetische Verwertung von Biomüll in unserem MHKW unter Effizienzgedanken mindestens gleichwertig ist – wenn nicht sogar besser als eine Vergärung.“

Umweltdezernent Peter Schneider überrascht

Umweltdezernent Peter Schneider ist angesichts dieser Aussage überrascht: „Es ist mir neu, dass die EVO Interesse auch an biogenem Abfall hat. Unsere Linie ist die Vergärung als die effizientere Verwertungsart.“ Grundsätzlich, so Schneider, sei er aber für Gespräche offen. Hinter den unterschiedlichen Einschätzungen zur richtigen Verwertung, das lassen Kenner der Materie durchblicken, verbergen sich handfeste finanzielle Interessen. Die vor mehr als einem Jahrzehnt gebauten Müllverbrennungsanlagen, so heißt es, seien auf Zuwachs ausgelegt worden. Abfall werde aber immer mehr zu einem Stoff, der zum Verbrennen zu schade sei. Deshalb hätten die Anlagenbetreiber eine Debatte ums „thermische Recycling“ angestoßen. „Da ist ein Hauen und Stechen im Gange“, lautet das Fazit.

Was den in Offenbach sich anbahnenden Streit angeht, werden dem EVO-Begehren in der Politik wenig Chancen eingeräumt. „Wir sollten nichts Unsinniges tun, nur um ein bisschen Geld zu verdienen“, ist zu hören. Sprecher Hofmann weist darauf hin, dass aufgrund der Marktentwicklung auf mittlere Sicht Müllmengen fehlen würden. Die EVO habe Maßnahmen ergriffen, um diese Entwicklung zu kompensieren. So sei 2012 ein Müll-Logistikunternehmen gekauft worden, das etwa 40.000 Jahrestonnen liefere. „Zudem kooperieren wir mit zirka 50 Partnerunternehmen im erweiterten Rhein-Main-Gebiet, weshalb wir den Wegfall kommunaler Mengen kompensieren können“, so Hofmann. In diesem Jahr sei das Müllheizkraftwerk voll ausgelastet, für die nächsten Jahre seien bereits um die 80 Prozent Kapazitätsauslastung erreicht.

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„Außerdem haben wir uns vorgenommen, die energetische Effizienz der Anlage weiter zu verbessern. Unter anderem sind wir dazu mit der Konzeption einer neuen Rauchgasanlage und einer neuen Turbine beschäftigt. Dafür sind Investitionen in Millionenhöhe geplant“, sagt der EVO-Sprecher.

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