Im Biotop urbaner Kultur

+
In dem Moment, in dem es zu spät ist, entdeckt Offenbach seine Faszination für das Hafenviertel. 

Offenbach - Er dürfe sich nicht anmaßen, alles zu wissen. Schließlich lebe er erst seit vier Jahren in Offenbach. Deshalb fordert Loimi Brautmann am Samstag gleich zu Beginn seiner „Spezial-Tour“ durch das Hafengebiet die fast 40 Teilnehmer zur Mitarbeit auf: „Wenn euch was einfällt, gebt euren Senf dazu.“ Von Stefan Mangold

Treffpunkt ist im Kulturzentrum im Hafen 2 . Dessen Charme erinnert an die alternativen Cafés, die in den achtziger Jahren in den Großstädten entstanden und in denen es die eine und andere Minute länger dauerte, bis irgendwann doch jemand kam und die Bestellung notierte. Das Gebäude selbst und das gesamte Areal des ehemaligen Hafens sind ein bisschen wie Berlin, wo viele freie Flächen existieren, Biotope der „urbanen Kultur“, von der Loimi Brautmann (29), Student der HfG, spricht.

Brautmann erzählt die Geschichte des Hafens, vom Ausbau des Mains in den 40ern des 19. Jahrhunderts, von der Sprengung des Kaiserleifelsens 1852. Er erwähnt das Hochwasser, das Offenbach 1882 überflutete.

In der „Ölhalle“ lehnen Werke von Christoph Becker an der Wand, goldene und silberne Sechsecke. „Ein Beispiel für das Konzept der Zwischennutzung“, nennt Brautmann den großen Raum, den bis vor zwei Jahren eine Firma nutzte. Bevor abgewickelte Industrieflächen bis zur weiteren Verwendung lange leer stehen, können andere sie nutzen.

Durch die Wände wummert ein unnachgiebiger, elektronischer Beat, als stünde ein Lautsprecher nebenan. Der befindet sich jedoch einige hundert Meter flussabwärts, im King Kamehameha Beach Club, wo an diesem Nachmittag schwer Strandfeeling aufkommen dürfte, weil es mal wieder regnet, „wie bei allen Veranstaltungen in diesem Sommer“, stellt Hanne Reichel von den Stadtwerken lakonisch fest, die den Rundgang organisiert.

Was auch immer in der Gegend an Gebäuden steht, wird dem geplanten neuen Viertel weichen. Auch der Boxclub Nordend muss dann umziehen. Dort erzählt Präsident Wolfgang Malik, wie er als Leiter des Jugendzentrums Nordend mit dem Boxen nichts am Hut hatte. Auf den Vorschlag von Bernd Hackfort, Jugendliche durch Boxen auf den Pfad der Tugend zu führen, habe er mit Befremden reagiert. Die Idee sei jedoch aufgegangen. „Boxsport ist nicht Gewaltprävention“, betont Hackfort, Geschäftsführer des Vereins. Relevant seien die Nachhilfestunden, die Erziehung zur Einhaltung von Regeln, Verabredungen und gegenseitiger Respekt. Mittlerweile gilt der Club als bundesweites Vorzeigemodell.

In der Hafenmeisterei gegenüber der Heynefabrik sitzt kein Hafenmeister mehr. „Der letzte hatte mit der Abwicklung viel zu tun“, weiß Loimi Brautmann. Im Keller stehen noch die Akten, ein Ordner zur „Verlängerung des Kühlwasserkanals“ und in Sütterlin beschriebenen Seiten aus dem Jahre 1901.

Im Kulturzentrum Hafen 2, wo früher Lokomotiven standen, können die Offenbacher heute Filme wie „Belle de jour“ von Luis Bunuel sehen oder in einem anderen Raum Konzerte und Lesungen besuchen. Zumindest solange, wie das Gebäude noch steht. Die Kinobetreuerin Caro Galvis erzählt von der Möglichkeit, in die Nähe des Kaiserleis umzuziehen. Doch dafür bräuchte es Geld, so 330.000 Euro. Im Café steht auf einem Bildschirm der Betrag, der am 29. Juli noch fehlt: 218.835,03.

„Der Abbau eines Industriegeländes ist ein Werk für sich“, lautet das Fazit von Loimi Brautmann. So betrachtet, ist Offenbach ein Kunstwerk.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare