Biowaffen im Staubsauger

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Es gibt 7000 Eichen in Offenbach, und jede muss gepflegt werden. Oder auch abgesaugt.

Offenbach - Rund 20.000 Bäume und sieben Baumpfleger? Hört sich nach einen ungünstigen Verhältnis an. Und wäre es auch, wenn der fürs Offenbacher Grün zuständige Stadtdienstleister ESO nicht einen Großteil der Arbeiten extern vergeben würde. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Die Baumkontrolle beispielsweise an die Rüsselsheimer Firma Netzwerk Grün. Zweimal im Jahr touren deren Mitarbeiter durch die ganze Stadt. Was sie feststellen, wird in das digitale Strakat-Baumkataster eingeschrieben und ist im Schadensfall rechtlich verbindlich. Das Kataster enthält außerdem sämtliche Informationen zu den erfassten Bäumen. Zurzeit steht der waldartige Bestand an der Rückseite des Sportplatzes am Bierbrauerweg auf der Liste.

Horst Limberger, schon seit 1979 im Offenbacher Grün unterwegs, und sein junger Kollege Hassan Kurtlucan haben ihre komplette Kletterausrüstung dabei. „Auch wenn nur einer in den Baum steigt, müssen wir immer zu zweit voll ausgestattet sein“, sagt Limberger, „damit einer den anderen im Notfall retten kann.“ Wobei der Notfall während seiner Dienstzeit bisher ausgeblieben sei. Kleinere Sachen kommen natürlich häufiger vor. Berührungsängste sind angebracht, zumindest bei der dreiseitig geschärften Handbaumsäge. Limberger zeigt auf seinem Handrücken deutlich sichtbare Narben von einzelnen Zähnen: „Die reißen richtig was raus, die Risse klaffen auseinander und heilen sehr schlecht.“

Verkehrssicherheit steht an oberster Stelle

Kollege Kurtlucan turnt derweil in der Krone einer 25 Meter hohen Robinia pseudoacacia (Robinie) herum. Mit der Teleskopsäge geht´s dem Totholz an den Kragen. Die Verkehrssicherheit steht bei der Baumpflege an oberster Stelle, und selbst im waldartigen Bestand muss diese im Bereich öffentlicher Wegen und Plätze gewahrt werden. Es gibt Dringlichkeitsstufen. „Akut“ heißt: Gefahr im Verzug, innerhalb 24 Stunden handeln. „Sofort“ bedeutet nicht sofort, sondern eine Zwei-Wochen-Frist, und „Dringend“ lässt dem Eingreiftrupp drei Monate Zeit.

Wie bei den Patienten am Sportplatz. Der Berg Holz, der dabei produziert wird, geht in den Schredder, dessen Fütterung zwei ESO-Kollegen voll auslastet. Durchschnittlich sind es bis zu drei Tonnen pro Arbeitstag. Ist ein Baum irreparabel geschädigt, ist die Fällung fällig. Gerade den viel geliebten Straßenbäumen sei leider meist nur eine Lebensdauer von 50 bis 60 Jahren vergönnt. Sie seien das ganze Jahr über Stressfaktoren ausgesetzt. Im Frühjahr und Sommer setzt ihnen Trockenheit und Strahlungswärme verglaster Gebäude und versiegelter Flächen zu. Durch den Klimawandel habe auch der Befall von Schädlingen zugenommen. Kastanienminiermotte, Eichen-Prozessionsspinner, Ulmensplintkäfer und die Massariakrankheit der Platanen stellen die Baumexperten heute vor immer neue Herausforderungen. Außerdem werden die Schatten- und Sauerstoffspender durch Streusalz und Autos dauerhaft geschädigt. Stoßstangenwunden etwa faulen in der Regel und ebnen Pilzen den Weg ins Holz.

Raupenbefall melden

Ortswechsel nach Bieber-Waldhof: Für zwei weitere Kollegen steht heute Sisyphos-Arbeit an. Benjamin Menzel sieht aus, als käme er aus einem Hochsicherheitslabor für biologische Waffen. Und so falsch ist der Eindruck gar nicht. Die Eichen-Prozessionsspinnerraupen, vor denen ihn sein Anzug schützt, können ziemlich gemein sein. Ihre Härchen enthalten das Nesselgift Thaumetoporin, das beim Menschen heftige allergische Reaktionen auslösen kann. Selbst Vögel meiden sie als Nahrung.

Menzel und sein Kollege haben am Bolzplatz in der Markwaldstraße an einer jungen Stieleiche drei Nester ausgemacht. Der Schlag erfolgt nicht mit der chemischen Keule, sondern mit dem Industriestaubsauger. Schon im Frühjahr sind die befallenen Bäume mit einem biologischen Mittel bespritzt worden, das Raupen über die Haut aufnehmen und nach Tagen zum Tod führt. Hier muss der richtige Zeitpunkt abgepasst werden. Die Raupen durchlaufen sechs Entwicklungstadien, ab dem dritten werden die typischen weißlichen Haare gebildet. Wie heftig das Gift wirkt, hat im letzten Jahr ein Mitarbeiter am eigenen Leib erfahren. Ihm platzte der Staubsaugerbeutel und er bekam eine geballte Ladung ab. Mit starker Atemnot und Hautausschlag musste er ins Krankenhaus.

Passanten und Anwohner, die einen möglichen Befall entdecken werden gebeten, diesen beim Ordnungsamt unter der Nummer 069/8065-2546 zu melden.

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