Bissiges in der Bütt

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Von klerikalem Geschäftssinn sprach Walter Kudritzki.

Bieber ‐ So richtig blüht die Fastnacht nur auf katholischem Humus. Fastnacht in protestantischen Gebieten wie Hannover oder Darmstadt hat eher die Aura von englischem Rotwein oder schwedischer Pizza. Von Stefan Mangold

Am Freitag saß Markus Gesser als Präsident im Pfarrheim der katholischen St. Nikolaus Gemeinde dem Elferrat vor. Die „Interessensgemeinschaft der Bieberer Fastnacht“ (IGBiF) zelebrierte im ausverkauften Saal ihre Sitzung.

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IGBiF-Narren fröhnen der fünften Jahreszeit

Um klerikalen Geschäftssinn ging es im Vortrag von Walter Kudritzki, Waku genannt. Ein Gemeindemitglied will seinen Hund kirchlich beerdigen. Der Priester lehnt ab. Worauf der Trauernde von ihm wissen will, ob sein evangelischer Kollege für 500 Euro bereit sei, das Tier unter die Erde zu bringen. Daraufhin lenkt der Priester ein: „Warum haben Sie nicht gleich gesagt, dass der Hund katholisch war?“ Ansonsten behandelte Kudritzki die emotionalen Folgen einer langjährigen Ehe, deren Alltag Tristesse und Austausch von Gemeinheiten bestimmen. Der Gatte schlägt seiner Frau vor, „ein schönes Wochenende zu verbringen“. Als die wissen will, wie das aussehen solle, sagt er: „Wir sehen uns am Montag wieder.“ Scharf fiel das Protokoll von Klaus-Peter Keller aus, der Ereignisse des vergangenen Jahres kommentierte, wie etwa die Schmähungen des Radiosenders FFH gegen Offenbach. „Was Radio FFH verzapft hat, war nicht mal witzig, sondern dumm.“ Nur OB Horst Schneider habe Größe gezeigt und das Thema beredt beschwiegen. Ein Lob, das kippt. Denn Keller spekuliert, es „könnte daran liegen, er hat den Witz zu spät kapiert“.

In aufwändigen Kostümen tanzte das Schneemänner-Ballett zu Liedern von Boney M. oder zum Popcorn-Song.

Um Offenbach, seit vier Jahren als Stadt mit den meisten Existenzgründungen ausgezeichnet, ging es im Dialog von Marga Rothbart und Steffen Zahn. An Strukturwandel wollten die beiden nicht glauben. Die hohe Rate an Selbstständigen erklären sie mit dubiosen Wettbüros und schäbigen Billigläden, die das Stadtbild prägten. Um den Kauf eines Hundes ging es bei Martin Jäger und Thomas Meid, die als Labbeduddel & Uscheruh auftraten. Auf die Frage, welche Diagnose besser sei, „Parkinson oder Alzheimer“, entscheidet sich Labbeduddel für letztere Krankheit: „Lieber vergesse zu zahle, als die Hälft` vom Äppler zu verschütte.“

Beim IGBiF auch ohne Orden lustig

Nicht unbedingt schonend gingen die Narren aus Bieber mit ihren Kollegen aus Offenbach ins Gericht. Fred Bauer als Dieb und Gerhard Faller als Ermittler mit dem Namen Humphrey Bogart spielten einen Sketch, in dem der Dieb den Karnevalsfreunden aus Bieber die Orden stibitzt. Ein Auftragsdiebstahl des Offenbacher Karnevalvereins, der viel Geld für die Utensilien bietet. Der Dieb versteht nicht, warum die Bieberer der Verlust so grämt, „bei der IGBiF ist es auch ohne Orden lustig. Beim OKV auch mit nicht.“

Jenny Bauer erzählte von ihrem Freund in ihrer neuen österreichischen Wahlheimat. Der zeige zwar alle Qualitäten, die ein Mann für sie bräuchte, „auch nett im Bett“, übel sei es jedoch, einen echten Fastnachtsmuffel an ihrer Seite zu haben. Ein ums andere Mal probt sie Pointen für Büttenreden vor ihm, solche wie „zum Essen saßen alle parat, da kame zwei Schnecke aus dem Salat“, die der Freund jedoch als flau empfindet. „Ach hätte ich mir nur en Fastnachter genomme“, resümiert sie nach jedem Bericht ihres Scheiterns.

Modern Talking in Bieberer Mundart

Willy Röder trat als letzter Redner in die Bütt. Röder brillierte mit lakonisch vorgetragenen Sentenzen. Eigentlich will er eine Rede als Schornsteinfeger halten, doch das Konzept habe er auf den Küchentisch geschrieben, den er vergessen habe. „Man kann net mehr alles behalte, was man sich merkt.“ Auch er setzte sich mit der Ehe frei von Illusionen auseinander. „Ich bin froh, dass ich sie hab“, spricht er über seine Frau, „wenn ich net froh wär`, hätt` ich sie aach“.

Musikalisch transformierten Chris Müller und Michael Reichenbach Modern Talking-Texte in Bieberer Mundart. Das Ballett trat einmal als Schneemänner und später als Gummibärchen auf. Die Männer tanzten als blonde Maiden in Dirndln vor.

Die Kapelle sorgte den ganzen Abend für Tuschs an den richtigen Stellen. Das männliche Gesangsquintett „Die fünf Jahreszeiten“ sorgte als letzter Programmpunkt vor dem Finale für allgemeine Ausgelassenheit: „Bieber Halau, Stimmung wie Sau.“

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