Beschimpfungen gehören zur Jugendkultur

Tugce-Prozess: „Bitch“ beleidigt nicht immer

+
Sanel M. im Landgericht Darmstadt.

Darmstadt/Offenbach - Dem tödlichen Schlag gegen die Studentin Tugce sind üble Pöbeleien vorausgegangen. Was manchen Zuschauer in dem Darmstädter Prozess schockiert, ist nach Einschätzung einer Expertin kein neues Phänomen und Teil von Jugendkulturen.

Schwere Beleidigungen standen nach Aussage von Zeugen am Anfang der Eskalation zweier Gruppen, die zu Tugces Tod führte. Beschimpfungen unter jungen Leuten seien aber kein neues Phänomen, sagt die Leiterin des Archivs der Jugendkulturen in Berlin, Gabriele Rohmann. „Dieses Verhalten von Jugendlichen zieht sich durch die Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts mit unterschiedlichen Ausformungen.“ Jugendliche seien früher allerdings stärker darauf bedacht gewesen, herabsetzende Wörter nicht in Anwesenheit Erwachsener zu gebrauchen. „Es gibt schon Verrohungserscheinungen, die auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun haben“, sagt die Sozialwissenschaftlerin.

Der Prozess gegen Sanel M. geht am morgigen Mittwoch weiter. Der 18-Jährige ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, der 22 Jahre alten Studentin Tugce im November auf dem Parkplatz des McDonalds am Kaiserlei in Offenbach so heftig ins Gesicht geschlagen zu haben, dass sie stürzte, mit dem Kopf hart aufschlug und später starb.

Alle Infos zum Prozess finden Sie auf der Themenseite

Beleidigungen seien aber keine Erfindung Jugendlicher, sondern sie lernten diese von Erwachsenen. Junge Leute im Alter von Tugce und dem Angeklagten Sanel M. wollten andere mit Pöbeleien stoppen oder kränken. In einer Konfliktsituation wie auf dem Parkplatz des Offenbacher Schnellrestaurants gehe es darum, mit Beschimpfungen Stärke und Dominanz zu zeigen. Allerdings hätten in der November-Nacht sicherlich auch Affekte eine große Rolle gespielt, so dass die Beleidigungen den anderen ohne großes Nachdenken um die Ohren gehauen worden seien.

Bilder zum Tugce-Prozess in Darmstadt

Welches Schimpfwort genutzt wird, hänge mit der Sozialisation, dem Habitus, dem Wissen und dem kulturellen Kontext zusammen. „Jemand, der die Mutter als sehr zentral, rein und unantastbar wahrnimmt, den trifft das härter, wenn jemand ,Hurensohn‘ sagt.“ Auch die Musik, die Jugendliche hörten, sei voll mit Schimpfwörtern. „Damit wird aber auch gespielt in den Jugendbewegungen“, betont Rohmann. So könne ein Begriff wie „Bitch“ herabsetzend verwendet werden, aber auch für emanzipierte, toughe Frauen stehen.

Derweil nähert sich der Prozess dem Ende. Es steht zwar noch die Entscheidung aus über einen Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen den Vorsitzenden Richter Jens Aßling. Allerdings gibt es Zweifel, ob dieser Erfolg haben wird. Im Mittelpunkt des achten von zehn geplanten Verhandlungstagen dürfte am Mittwoch das Gutachten eines Gerichtsmediziners stehen, der sich mit der Todesursache der Studentin befasst. Auch die Entscheidung über den Befangenheitsantrag wird erwartet.

dpa

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion