Blick in die Vergangenheit

+
In einem Museum wähnt man sich in der Etagenwohnung eines Gastronoms, der sich im Nordend seinen Traum verwirklichte.

Offenbach - Mal ehrlich: Wer linst nicht gern mal in anderer Leute gute Stube hinein und lässt der Neugier freie Bahn? Der voyeuristischen Ader konnte nun als Programmpunkt des Architektursommers mal so richtig gefrönt werden. Von Silke Gelhausen-Schüssler

Bei den Führungen am Freitag und Sonntag heißt das aber natürlich nicht, „die Nase in fremde Behausungen stecken“, sondern einen „Blick ins Stadtwohnen“ werfen.

Fünf junge Damen und der Ehemann begleiten Christa Breuch auf ihrem Rundgang im Nordend. „Falls niemand die Tür öffnet, können wir notfalls noch unsere eigene Wohnung besichtigen“, erklärt die Stadtplanerin augenzwinkernd ihre Ortswahl. Ist aber gar nicht nötig, denn gleich das erste Klingeln ist erfolgreich. Die Liegenschaft der Euler-Immobilien ist ein 50er-Jahre-Bau ohne Aufzug, das Ziel der Besichtigung liegt im fünften Stock. Hier zog 1976 eine Mutter mit zwei Kindern ein.

Was heute für Alleinerziehende alltäglich ist, war damals noch eine Seltenheit. Die ältere Tochter erinnert sich: „Trotzdem meine Mutter am Kaiserlei bei Siemens eine feste Arbeitsstelle besaß, hatte sie damals nach der Trennung große Probleme, eine Wohnung zu bekommen. Die meisten Vermieter nahmen nur ,komplette Familien’. Außer uns waren auch nur ,ordentliche’ Mieter im Haus.“ Da „der Mann im Haus“ fehlte, packte die heute 70-Jährige einfach selbst an. Sie renovierte und möbilierte, ließ neue Doppelglasfenster einbauen und die Gas-Einzelöfen durch eine Etagenheizung ersetzen.

An den Einzug kann sie sich gut erinnern

Weil durch das ungedämmte Flachdach die meiste Heizwärme entwich, vertäfelte sie kurzerhand die Decke. Und um den Kindern in der 75 Quadratmeter großen Wohnung ein eigenes Zimmer zu bieten, schlief sie selbst jahrelang im Wohnzimmer. Besonders prägnante Dinge blieben den Töchtern bis heute in Erinnerung. Zum Beispiel, wenn die Offset-Druckerei im Erdgeschoss ihre Maschinen anwarf und ein leichtes Beben hervorrief – oder den mit einer anderen Familie lange Zeit geteilten Telefonanschluss. Auch an den Einzug im Herbst kann sich die 47-Jährige noch gut erinnern: „Anfangs saßen wir auf Markt-Kisten und spülten das Geschirr in der Badewanne. Der Balkon diente uns als Kühlschrank. Bis alles so richtig bewohnbar war sind drei bis vier Monate vergangen.“ Küche und Bad sind heute noch fast im Originalzustand der 70er Jahre.

Das komplette Gegenteil wartet zwei Straßen weiter auf die Besucher. Hier hat sich ein Gastronom, der 1980 aus der Sowjetunion über Israel nach Offenbach kam, einen Lebenstraum verwirklicht. In einem ehemaligen Gebäude einer Schuhfabrik aus der Zeit der Weimarer Republik erwarb er 2001 die 300 Quadratmeter große untere Etage. Mit Hilfe von Freunden und Bekannten sanierte er neun Monate lang und lebt jetzt mit Frau und Hund – die zwei Söhne sind inzwischen ausgezogen – inmitten einer riesigen Kunstsammlung. Würden nicht zwei Schlafzimmer und ein Wäscheständer im Wohnraum den Eindruck von menschlichem Dasein erwecken, man wähnte sich zweifellos in einem Museum.

Ein Teil der 500 Werke schlummert noch in einem Depot

Der Großteil der Grafiken, Plastiken, Drucke, Fotografien und Malereien zählt zur so genannten nonkonformistischen russischen Kunst der vergangenen 50 Jahre. Trotz der geräumigen Fläche und der vier Meter hohen Wände passt nicht alles ins Domizil des Sammlers, ein Teil der 500 Werke schlummert noch in einem Depot. Auf die Frage, mit wie viel Heizkosten man denn hier rechnen müsse, gibt der Eigner eine verblüffende Antwort: „Wir heizen so gut wie gar nicht. Die Wände sind sehr dick, und zwischen uns und der Kelleretage verlaufen eine Menge Warmwasserrohre, die das Haus versorgen.“ Eine gratis Fußbodenheizung also – Glück muss man haben. Die Böden sind mit Marmorfliesen und Eichenparkett ausgelegt, neue Zimmerwände wurden im passenden Ziegelsteinstil gemauert, Spanplattenverkleidungen der Außenwände entfernt. Der Hausherr erinnert sich noch gut an die Bauphase: „Am hartnäckigsten waren die Ölflecken an der Decke. Die kamen immer wieder durch, da half nur die teure Latexfarbe.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare