Blick ins Verschwundene

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Der ehemalige Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel ist ein begnadeter Erzähler, gibt heute verwechselbaren Orten der Stadt ihre Geschichte zurück. Wie in der Großen Marktstraße, die einst die Große Judengasse war.

Offenbach ‐ Wenn heute wieder Tausende ins junge Einkaufszentrum KOMM in der Großen Marktstraße strömen, wird wohl kaum jemand auch nur einen Gedanken daran verschwenden, welche Bedeutung dieser nun völlig umgebauten Straße in der Stadtgeschichte Offenbachs zukommt. Von Veronika Szeherova

Vor etwa 300 Jahren begann hier das jüdische Leben der Stadt. Daran erinnerte bei einem historischen Stadtrundgang am Sonntag der ehemalige Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel.

Der Einladung der Max Dienemann/Salomon Formstecher-Gesellschaft zur Stadtbegehung der etwas anderen Art folgten über 30 Teilnehmer. Los ging es am Anfang der Großen Marktstraße/ Ecke Marktplatz; von hier aus bewegte sich die Gruppe langsam zum Aliceplatz. Es erforderte schon etwas Fantasie, sich beim Anblick des Ramschladens im ehemaligen Kinocenter Gloria vorzustellen, dass hier einst das spirituelle und kulturelle Zentrum der Offenbacher Juden war. „Hier stand die erste Synagoge Offenbachs, zunächst ein einfacher Holzbau“, berichtete Ruppel. „Im Jahr 1721 brannte das Gebäude ab, wurde aber durch Spendengelder rasch wieder aufgebaut und war bis 1916 das Gemeindezentrum.“ Auch eine Schule und ein Frauenbad – die Mikwe - waren darin integriert. Letzteres wird in alten Schriften zwar als „sumpfiger, nicht zu erwärmender Brunnen“ bezeichnet, doch in jahrelangem Betrieb war es dennoch.

1000 Einwohner im Jahr 1709

Vor genau 300 Jahren, 1709, hatte Offenbach gerade mal 1000 Einwohner. Etwa ein Viertel von ihnen waren Hugenotten und Juden. Beide Bevölkerungsgruppen erhielten, natürlich nur gegen Bezahlung, gewisse Privilegien, wie etwa einen Friedhof anzulegen und Handel zu treiben. Die Große Marktstraße war zu diesem Zeitpunkt bereits die Straße mit der größten Anzahl an jüdischen Anwohnern. Folgerichtig benannte der damals herrschende Graf Johann Philipp zu Isenburg sie als „Große Judengasse“ (die Kleine Marktstraße war die Kleine Judengasse). Erst 1822 erfolgte ihre Umbenennung.

Aus dem 18. Jahrhundert findet man Aufzeichnungen über ein jüdisches Krankenhaus „nah der Synagoge“, das sich auch intensiv um die Pflege von Armen kümmerte. Diese konnten sich sonst nicht einmal das erforderliche „Schutzgeld“ leisten, das jeder nach Offenbach einreisende Jude zu bezahlen verpflichtet war. Das Hanauer und das Frankfurter Tor, wo dieses Kopfgeld entrichtet werden musste, waren schließlich nicht weit. Das Hanauer Tor befand sich am heutigen Standort von Kleider „Frei“, das Frankfurter Tor auf der Höhe der heutigen Löwen-Apotheke. „Sehr viel größer war Offenbach damals gar nicht“, weiß Ruppel. „Die einzige Möglichkeit zur Ortserweiterung war in Richtung Süden.“ So entstanden der Große und der Kleine Biergrund von 1702 bis 1708.

Jüdisches Leben floriert Mitte des 19. Jahrhunderts

Obwohl die jüdischen Einwohner ziemlich zentriert lebten, konnte man in Offenbach keineswegs von einem Ghetto sprechen“, sagt der Stadtführer. Mitte des 19. Jahrhunderts florierte hier das jüdische Leben, die Emanzipation der Juden erfolgte. Große und erfolgreiche Geschäfte wie das Schuhhaus Strauß (auf Höhe der heutigen Wiener Feinbäckerei am Marktplatz) oder das Kaufhaus von Hugo Oppenheimer (heute: Esprit) waren in jüdischem Besitz. Entscheidend mitverantwortlich für den Aufschwung Offenbachs war die Tatsache, dass sich die Frankfurter Messe von 1826 bis 1835 hier befand. In dieser Zeit entstand auch die Städtische Sparkasse Offenbach, denn Geldwechsel- und Speditionsunternehmen gewannen immer mehr an Bedeutung.

Heute ist von der ursprünglichen Bebauung des 17. Jahrhunderts fast nichts mehr erhalten. „Höchstens einige wenige Elemente aus dem 19. Jahrhundert findet man noch an manchen Fassaden“, bedauert Ruppel. Zum Glück gibt es aber noch alte Fotografien, die an die ursprüngliche Bebauung erinnern. Ruppel reichte diese den Teilnehmern und trug auch damit zu einem interessanten, informativen und kurzweiligen Bildungsspaziergang bei.

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