Bildungsstreik: Unmut gibt es seit langem

Offenbach - Bachelor, Master, Credit Points, Turbo-Abi, G8 - für „ältere Semester“ ist die Hoch- und Schulwelt selbst oft unverständlich. Dabei steckt just hinter diesen Bezeichnungen der Grund für den groß angekündigten „Bildungsstreik“ in Deutschland. Kommt jetzt der Aufstand der Jungen? Von Peter Schulte-Holtey

In Gießen werden einige Bürger gestern diesen Eindruck gehabt haben. Mit Trillerpfeifen zogen Schüler und Studenten durch die Innenstadt. „Bildungsleiche Deutschland“, „Demokratie aufbauen statt einreißen“ und „Nutz die Kassen für kleinere Klassen“ stand auf ihren Transparenten. Aufgerufen zur Demonstration hatten Studentenvertretungen der Universität und Fachhochschule sowie der Kreis- und Stadtschülerrat. Bis Freitag sind bundesweit in mehr als 70 Städten Veranstaltungen geplant. Auch der Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Offenbach rief Schüler-, Studenten- und Lehrerschaft für heute dazu auf, mit öffentlichen Aktionen „auf die äußerst nachteiligen Tendenzen im Bildungswesen aufmerksam zu machen und eigene Vorschläge zu entwickeln, wie das Lernen in den verschiedenen Bildungsinstitutionen wirklich zu Bildung wird“. Bei Gesprächen mit Schülern/Studenten wird es deutlich: Unmut gibt es seit langem. Sorge und Angst bewegt viele, sie fragen: Was wird aus uns?

Was wollen Schüler/Studenten erreichen?

Durch die Schulzeit-Kappung (G8 oder Turbo-Abitur) wurde die Belastung der Gymnasiasten enorm gesteigert. Auch in der Region wächst die Protestwelle gegen die verkürzte Oberstufe beim achtjährigen Gymnasium. Schon 22 Schulen sind im Land von der umstrittenen Gymnasialzeitverkürzung wieder zum alten Modell einer neun Jahre währenden Mittel- und Oberstufen-Phase zurückgekehrt. Auch bei den Studenten gibt es genügend Anlass zum Protest. Vor allem der so genannte „Bologna-Prozess“ ist vielen Studierenden und Hochschullehrern ein Dorn im Auge. Zum Hintergrund: Am 19. Juni 1999 verabredeten die Erziehungsminister von 26 europäischen Staaten in der italienischen Hochschulstadt Bologna die Einführung einer einheitlichen Studienstruktur mit den gestuften Bachelor- und Master-Abschlüssen, vergleichbaren Studienmodulen und einem „Credit-Point-System“ - das Leistungspunktesystem „European Credit Transfer System“ (ECTS). Dadurch werden in Deutschland Diplom und Magister ersetzt. Doch die Kritik wird immer lauter. Verschulung, Leistungsdruck, Anwesenheitspflicht, Dauerüberprüfung - das sei Studienalltag, heißt es. Viele Studenten fühlen sich im Dauerstress und wissen nicht einmal, ob der Bachelor-Abschluss für den Arbeitsmarkt taugt. Und immer noch können viele Personalchefs mit diesem Abschluss wenig anfangen.

Was sagen die Kritiker?

Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel: „Es ist schwer nachzuvollziehen, wie manche Studierende und Professoren derzeit die eigene Hochschulbildung schlecht reden.“ Heftige Rügen kommen auch vom Deutschen Lehrerverband: Es sei gut erkennbar, „was die Streikinitiatoren anstreben: ein nach unten nivelliertes Bildungswesen, in dem die Prinzipien Leistung und Eigenverantwortung einer Gleichmacherei und einer Vollkaskomentalität geopfert werden sollen“.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare