Wo blindes Vertrauen fehlt

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In Deutschland gibt es etwa 3000 Blindenführhunde, die ihre Besitzer jeden Tag sicher durch den Alltag begleiten.

Offenbach ‐  Nein, die Offenbacherin möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen: „Es geht nicht um mich. Das betrifft viele von uns.“ Nämlich Sehbehinderte, die sich von Vierbeinern leiten lassen. Von Martin Kuhn

In diesem Fall geht es um Honda, eine ganz besondere Schäferhündin. Sie ist ausgebildeter Blindenführhund. Frauchen will sie nicht missen: „Sechsfüßler-Gespann“ nennt sie, was von sprichwörtlich blindem Vertrauen zum Tier getragen wird. Doch der Alltag ist nicht immer einfach für das Duo. Was unsere Offenbacherin wütend macht, ist die Gedankenlosigkeit vieler Sehender: „Wir müssen draußen bleiben“ soll für die Führhunde allzu oft und entgegen offiziellen Empfehlungen auch in Arztpraxen gelten.

Sie ist nicht allein mit ihrer Klage. Der Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenbunds gehören weitere 56 Menschen an, vier davon haben einen Blindenhund als ständigen Begleiter. „Wir sind ein freiwilliger Zusammenschluss, es gibt viel mehr Blinde in Offenbach, als bei uns organisiert sind“, sagt Vorstandsmitglied Gertrud Frese. Auch die Gruppe kämpft für Verbesserungen. Die Stadt erfährt indes Lob: „Da wird viel gemacht, blindengerechte Ampelanlagen, wo immer das möglich ist.“

„Einen Stock kann man in die Ecke stellen.“

An anderen Stellen ist das Verständnis nicht so groß, Ärger gibt’s öfter – wegen Honda und ihren Artgenossen. Die tierischen Begleiter haben eine nicht gerade billige Ausbildung hinter sich: Gut 20.000 Euro kostet ein Blindenführhund. Es ist eine Leistung der Krankenkasse, rechtlich firmiert der treue Vierbeiner als orthopädisches Hilfsmittel. Es ist eine freiwillige Anschaffung: „Man muss eine Ader für Hunde haben“, sagt die Offenbacherin, die eine Sehleistung von zwei Prozent hat: „Einen Stock kann man in die Ecke stellen; einen Hund nicht.“

Für sie ist’s selbstverständlich, mit Honda unterwegs zu sein. Es bedeutet für ihre doch stark eingeschränkte Mobilität ein Stück Freiheit, ein Stück Eigenständigkeit. Ein Blindenführhund stellt für sie eine Erleichterung im Alltag dar, „die sich ein Sehender kaum vorstellen kann“.

Seit September verlässt sich die Frau sozusagen blind auf Schäferhündin Honda, zuvor auf, einen Labrador. Mit dem sei es etwas leichter gewesen, sich unter den Menschen zu bewegen als mit der Schäferhündin, der Aversionen entgegenschlagen: „Honda hat eben nicht so einen genetisch verankerten Caritasblick.“

Dabei müsste jeder erkennen, was es mit dem Gespann auf sich hat, das da auf ihn zukommt. Bei der „Arbeit“ tragen Führhunde ein spezielles Geschirr und eine „Kenndecke“. Herrchen und Frauchen haben zudem stets ihren Stock dabei. Die „Sechsfüßler“ fallen ins Auge.

Aus hygienischer Sicht spricht nichts dagegen

„Ich kann den Hund nicht einfach anbinden. Ich bin auf ihn angewiesen“, sagt die Offenbacherin, die kürzlich eine Arztpraxis verlassen musste – wegen Honda. „Ich habe Besseres zu tun, als mich ständig mit dieser Problematik herumzuplagen. Es dauert ohnehin alles länger für mich.“

Dabei weiß sie um bundesweite Unterstützung. So habe etwa der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband an die Deutsche Krankenhausgesellschaft geschrieben: Um zu klären, ob ein Führhund ins Spital darf, wurde das Hygieneinstitut der Freien Universität Berlin bemüht. Kern der Antwort: Aus hygienischer Sicht spricht nichts gegen eine Mitnahme von Blindenführhunden in Praxis- und Krankenhausräume.

Der Arbeitskreis der Blindenführhund-Halter appelliert: „Bitte denken Sie immer daran, dass die blinden oder sehbehinderten Führhund-Halter dringend auf ihre Hunde angewiesen sind und diese, wenn irgend möglich, nicht aus ihrer Obhut geben sollten. Gestatten Sie ihnen deshalb mit ihren Führhunden den Zutritt auch dort, wo Hunde sonst nicht zugelassen sind. (...) Achten Sie bitte, auch wenn Sie kein Hundefreund sind, die Leistung dieser Tiere und deren unschätzbaren Wert für Ihre Halter.“ Das wird nicht überall gehört.

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