Im Blitzlicht der Polizei

Den typischen Raser gibt’s nicht

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Wenn die Polizei ganz genau hinschaut: Emil Schöck de Castro vom 2. Polizeirevier bei der Arbeit.

Offenbach - Kaum ist das Stativ aufgebaut und das Lasergerät darauf montiert, ist auch schon ein „Piep piep“ aus dem Kasten zu hören. Ein Mini flitzt um die Ecke in den Gravenbruchweg - zu schnell. Von Bettina Link

Emil Schöck de Castro vom 2. Polizeirevier hat den Autofahrer in der 30er-Zone mit neun Stundenkilometer zu viel erwischt. Das verrät ihm sein Lasergerät, mit dem er sich vor der Kita Rosenhöhe positioniert hat. „Das Gerät ist absolut genau“, betont der Polizist. Obwohl drei km/h Toleranz abgezogen werden, ist der Autofahrer nicht aus dem Schneider. Per Funk gibt Schöck de Castro seinem Kollegen 60 Meter weiter unten an der Straße das Kennzeichen durch. Freundlich klärt der Kollege von der Stadtpolizei den herausgewunkenen Autofahrer auf, dass neun Studenkilometer zu viel 15 Euro Bußgeld bedeuten. Die können an Ort und Stelle bezahlt werden, ansonsten kommt der Bescheid per Post.

Die Geschwindigkeitskontrolle im Gravenbruchweg ist Teil der ersten bundesweiten Blitzaktion, mit der die Polizei für das richtige Tempo sensibilisieren will.

Aktion ist präventiv gedacht

Die Aktion ist präventiv gedacht, da Raser oft schwere Unfälle verursachen. „Außerdem zeigen wir den Menschen, dass sie durch Rasen keinen Zeitgewinn erzielen“, erklärt Alexander König, Leiter Einsatz beim Polizeipräsidium Südosthessen. Er verweist darauf, dass Geschwindigkeitsüberschreitung die Hauptursache bei schweren Unfällen ist: „Bei 24 Verkehrstoten war im vergangenen Jahr elfmal überhöhte Geschwindigkeit der Grund für den Unfall.“ Bei 600 Unfällen mit Schwerverletzten im Bereich des Polizeipräsidiums Südosthessen sei in 100 Fällen zu schnelles Fahren der Grund gewesen. Um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, stehen die Beamten gestern an verschiedenen Standorten in Kreis und Stadt Offenbach vor allem in 30er-Zonen und dort, wo Schulen und Kindergärten sind. Gebiete, in denen eine überhöhte Geschwindigkeit gefährlich sein kann und die als Unfallschwerpunkte gelten. So wie im Gravenbruchweg. Dort ist nicht nur eine Kita, sondern auch ein Spielplatz und die Edith-Stein-Schule. „Mit der Geschwindigkeit verringert sich das Reaktionsvermögen, ein Autofahrer muss ein Kind sehen und dann noch bremsen können“, sagt Stefan Knöpfle vom 2. Revier, wer zu schnell fährt, schaffe das kaum.

Seit 8 Uhr sind er und seine Kollegen unterwegs, um nach Rasern Ausschau zu halten. Im Einsatz insgesamt sind vom Polizeipräsidium Südosthessen 84 Beamte. Dabei verstecken sie sich nicht etwa hinterm Baum. Schöck de Castro hat sich so vor der Kita positioniert, so dass die Autofahrer ihn eigentlich sehen könnten - und sogar noch Zeit hätten abzubremsen.

Bedeutet sportlicher Wagen gleich Raser?

Doch richtig aufmerksam sind nur die Kita-Kinder hinter dem Zaun, die neugierig beobachten, was die Männer in Blau machen. In einer Stunde winken Schöck de Castro und seine Kollegen 13 Autofahrer am Gravenbruchweg raus. Im Laufe des Tages erwischen sie in der Lortzingstraße zwölf und in der Goethestraße fünf Schnellfahrer. „Alle Geschwindigkeitsüberschreitungen sind noch im Verwarnbereich“, erklärt Andrea Ackermann von der Polizeipressestelle. Wirkliche Raser seien nicht darunter.

Bedeutet sportlicher Wagen gleich Raser? Nein, sagt Schöck de Castro. Den typischen Raser gebe es nicht. „Das ist bunt gemischt, jedes Auto, jedes Alter ist dabei.“ So auch am Donnerstag: Von Kleinwagen bis Minivan ist alles dabei. „Viele, die zu schnell fahren, sind einfach abgelenkt, sie nehmen ihre Umgebung dann kaum war“, weiß Schöck de Castro. Genau so ergeht es einem Audi-Fahrer: Mit Handy am Ohr düst er in die Kontrolle. Damit ist er nicht nur 15 Euro fürs zu schnelle Fahren los, sondern auch noch 40 Euro wegen Telefonierens am Steuer.

Nicht angeschnallt

Ein anderer entdeckt die Kontrollstelle zwar, zu spät bemerkt er aber, dass er nicht angeschnallt ist. Hektisch sucht er nach dem Gurt, aber auch das hat Schöck de Castro schon längst beobachtet. Und auf die Bremse hat der Fahrer auch nicht getreten. In Hanau geht den Polizisten ein Raser in die Falle, bei dem sich herausstellt, dass er mit Kennzeichen unterwegs ist, die er selbst als vermisst gemeldet hat. Dass er unter Alkoholeinfluss steht, macht die Sache nicht gerade einfacher für ihn.

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Auf der A 661 halten die Beamten einen Wagen aus Rumänien an, die Geschwindigkeit ist nur geringfügig überschritten, allerdings stellt sich heraus, dass das Auto von den rumänischen Behörden gesucht wird - für die drei Insassen ist die Fahrt damit beendet.

Allgemein reagieren die Angehaltenen gelassen, kaum einer ärgert sich über die Aktion, sagt Denise Neumann von der Stadtpolizei: „Die meisten haben Verständnis und sehen es ein.“ Schließlich sei das Ganze ja auch angekündigt worden. Sie und ihre Kollegen weisen die Autofahrer bei der Kontrolle auch noch einmal auf den Blitz-Marathon hin, der bis heute früh läuft. Eine Autofahrerin ärgert sich eher über sich selbst: „Ich wohne hier und fahre ständig hier lang, jetzt war ich einfach so in Eile“. Doch im Grunde hat sie Verständnis für die Kontrollen: „Es ist eigentlich in Ordnung.“

Bitte lächeln: Blitz-Marathon in Bildern

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Dass die Blitzer-Aktion richtig ist, findet auch Jürgen Bahr, der als Fußgänger im Gravenbruchweg unterwegs ist. „Das könnten sie ruhig immer und flächendeckend machen, es gibt einfach zu viele Raser“, meint Bahr, der aber zugibt auch ab und an mal ein bisschen schneller zu fahren, „aber nur dort, wo es frei ist“. Eine erste Bilanz der Polizei fiel gestern Abend positiv aus: „Bis jetzt wurden deutlich weniger Temposünder an den Kontrollstellen erwischt als üblich“, erklärt Manfred Kaletsch, Einsatzleiter des 24-Stunden-Blitz-Marathons in Hessen. Die geblitzten Temposünder wurden laut Polizei mit deutlich geringeren Geschwindigkeitsüberschreitungen gemessen als sonst.

König ist davon überzeugt, dass es alleine gestern durch die großangekündigte Aktion weniger Verkehrsunfälle im Polizeipräsidium Südosthessen gab. „Wir setzen uns dafür ein, dass wir die Aktion wiederholen.“

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